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Rausch kommt mit Verspätung

Rausch kommt mit Verspätung

Wieder nur halb gefüllt war die Rockhal im luxemburgischen Esch/Alzette bei den "Chemical Brothers". Dem englischen Elektro-Duo fehlte offenbar die tobende Menge - teilweise lustlos zappte es sich durch seine Beats.

Esch/Alzette. Nach einer guten halben Stunde brechen die hektischen Synthesizer-Klänge ab. Die Laser, die vorher wild zuckend grün-rote Flächen über den Köpfen des Publikums aufgespannt haben, sind aus. Die überdimensionalen Lichtprojektionen von Elefanten, Pferden, Körpern und Köpfen erlöschen. Leicht irritiert stehen die Chemical Brothers hinter ihren Schränken und Tischen voller Keyboards, Computer und Verstärker. So, als wüssten sie nicht genau, ob sie weitermachen sollen.Endlich vibriert das Zwerchfell

Tatsächlich ist der Blick von der Bühne für sie ungewohnt: Ab der fünfzehnten Reihe könnte man es sich in den großen Lücken zwischen den Zuschauern auf Klappstühlen gemütlich machen. Kein dichtes Gedränge, kein Wald aus hochgereckten Armen, keine wabernden Schwaden süßlichen Marihuana-Geruchs, wie sonst bei Chemical-Brothers-Konzerten üblich. Dabei hatte die Show gleich mit längeren Anleihen aus den genialen "Galvanize" und "Push the Button" begonnen. Die gewohnte Wirkung auf das Publikum war jedoch ausgeblieben.T-Shirts, zum Auswringen nass

Als das Pfeifkonzert einsetzt, besinnen sich die Götter des Big Beat jedoch: Sie schieben sie die Regler wieder hoch, und was vorher eher lustlos, leise und unkoordiniert daherkam, entfaltet mit Unterstützung der großartigen Light-Show seine berauschende Wirkung: Der Bass wird tiefer und regelmäßiger und nimmt die Hektik aus den hämmernden Beats. Die beiden Engländer schieben immer wieder bekannte Loops ein und bringen das Publikum doch noch zum Hüpfen. Darauf, ihre Hits aus dem Endzeit-Film "Matrix" oder dem Grammy-Album "Push the Button" mehr als nur anzudeuten, verzichten sie jedoch trotz der Chance, das Publikum damit in absolute Ekstase zu versetzen. Die Kenner erreicht der gekonnte Freestyle: Sie tanzen zum Klang-Mix aus Techno, HipHop, Funk und Rock, bis ihre T-Shirts zum Auswringen nass sind. Bei der Zugabe haben die Chemical Brothers dann endgültig Betriebstemperatur erreicht: Endlich lässt der Bass das Zwerchfell vibrieren. Endlich heben die beiden selbst die Arme und zeigen ihrem anfangs schwerfälligen Publikum, wie rocken geht.