Reggae im Regen

LOSHEIM. Die Sonne kommt von der Bühne, das Bad vom Himmel: Trotz herbstlicher Wetterverhältnisse hatten 4500 Reggae-Fans beim Tag am See in Losheim ihren Spaß mit Gentleman, Seeed & Co.

Jeder Schritt fällt schwer. 34 Grad drücken vom grauen Himmel. Der Boden staubt. Schwerfällig ächzt die Menschenmenge. Irgendwo läuft Reggae. So könnte es am Samstag in Kingston, Jamaica, ausgesehen haben. Wo Reggae für Lebenslust steht, für Gelassenheit und Freiheit. Peace. Jeder Schritt fällt schwer, auch tausende Kilometer weiter nordöstlich, in Losheim. Hier spendiert der Himmel halbe Ozean-Ladungen. Bei den Temperaturen ist er weniger freigiebig. Wenn man ganz fantasievoll ist oder - Achtung, Reggae-Klischee! - einem zu viele Pflanzen-Reste in den Tabak gefallen sind, stört das kaum. Dann stellt man sich vor, wie Sand und Meer sanft die Knöchel umspielen und die Zehen kitzeln. Und nicht etwa eine teilweise über zehn Zentimeter dicke Schlammschicht, die der Erdanziehungskraft ganz neue Macht verleiht.Schließlich läuft auch hier Reggae. Guter sogar. Man mag kaum glauben, dass Gentleman - einer der Haupt-Acts beim Tag am See - janz jeckisch in Köln groß wurde und nicht etwa in Jamaica. Er hat sich einen lustigen englischen Akzent draufgeschafft, kommt aber dennoch durchaus authentisch rüber. Bei Gentleman und seiner bestens abgestimmten Far East Band kommt auch zum ersten Mal richtig Stimmung auf. Dabei gab es auch vorher lichte Momente am dunklen Himmel.

Wie etwa Kosheen. Die Engländer um Sängerin Sian Evans sind eigentlich in den Clubs zu Hause - die Open-Air-Atmosphäre belebte ihre Stücke. Allerdings hatten Kosheen und anschließend teilweise auch Calexico mit heftigstem Regen zu kämpfen, der vor Gentleman aufhörte. Bei Calexico ging es stimmungsmäßig bergab. Das lag nicht an der Qualität der Band, die einen sehr guten Auftritt hinlegte: Der allergrößte Teil der Fans wartete aber auf Gentleman und Seeed. Was die Stereos MCs zu spüren bekamen, die gegen 1 Uhr nachts vor fast leeren Reihen den "Rausschmeißer" gaben.

Seeed hatte keine Probleme, die Stimmung nach Gentleman hochzuhalten: Die Berliner sind der Inbegriff des Hyperaktiven - immer ist auf der Bühne was in Bewegung. Reggae trifft Dancehall. Der Bass dröhnt, dass man ihn vielleicht nicht bis Kingston hören kann - aber bestimmt bis hinter Zerf. Mit Gruß an die alte Heimat: Ein Stück widmete Sänger und Dreadlock-Träger Eased (der in Trier unter dem bürgerlichen Namen Frank Dellé Abitur machte) den Fans aus seiner alten Heimat.