Reingehört

Manche Tonkonserven gewinnen durch längeres Liegenlassen entschieden. Das gilt jedenfalls für die Doppel-CD "Bayreuth erlebt.

Erinnerungen an Wolfgang Wagner". Sie geht zurück auf eine Veranstaltung im damaligen Luxemburger Stadttheater zum Kulturstadt-Jahr 1995. Lange her. Aber was überlebt erscheint, erweist sich als bedeutsames Dokument über die Wagner-Festspiele in Bayreuth und vielleicht auch die Beziehung der Luxemburger zu Wagner. Denn auch nach fast 20 Jahren bleibt beim Anhören der zwei CDs die Publikumsspannung in dieser ungewöhnlichen Veranstaltung spürbar. Der Luxemburger Musikjournalist Raymond Tholl hatte sie damals organisiert und moderiert. Jetzt war er die treibende Kraft bei der Veröffentlichung der beiden CDs. Was sie dokumentieren, hat bis heute keinen Staub angesetzt. Raymond Tholl hatte Gäste eingeladen, die sich im Nachhinein als wichtige Zeitzeugen erweisen. Erna Pitz, Witwe des damals bereits verstorbenen Chorleiters Wilhelm Pitz, berichtet von den Anfängen im Neu-Bayreuth nach dem Krieg. Hans-Peter Lehmann, Regieassistent von 1960 bis 1973, beleuchtet die revolutionäre Wende des Bayreuther Regietheaters unter den Wagner-Brüdern Wieland und Wolfgang mit zahlreichen Details. Theo Adam, der große Wotan der 1980er Jahre, wird mit einem Telefongespräch aus Japan zugeschaltet und beschreibt Neu-Bayreuth aus seiner Sicht. Und Birgit Nilsson, die große Isolde der 1960er, zitiert aus der "Ariadne" von Hofmannsthal und Strauss, bevor sie anschließend ihre Bayreuther Erlebnisse schildert. Im Mittelpunkt steht Wolfgang Wagner. Und das so, wie Wolfgang Wagner eben sein konnte - eher verschlossen, was Ideen, Regiekonzepte und künstlerische Perspektiven angeht. Und doch mit einem persönlichen und fast kameradschaftlichen Tonfall. Nicht so sehr, was er sagte, war von Bedeutung, sondern wie er es sagte. Jack Martin Händler dirigierte dazu wie eine persönliche Hommage das "Siegfried-Idyll" - "komponiert für meinen Vater", sagte Wolfgang Wagner. Auch Meisterpianist Cyprien Katsaris ließ sich auf eine persönliche Stellungnahme ein. Er spielte "Isoldes Liebestod" in der Klavier-Transkription von Liszt und bekannte, dass für ihn Wagners musikalische Qualitäten wichtiger seien als seine dramatischen. Und Raymond Tholl, der besonnene Moderator, spielte vom Band Ausschnitte aus "Tannhäuser", "Walküre" und "Tristan" aus den 1960er Jahren ein. So ist dieses Album tatsächlich ein Dokument der großen Bayreuther Vergangenheit geworden - ein Hörbuch über ein einzigartiges Festival. Martin Möller "Bayreuth erlebt. Erinnerungen an Wolfgang Wagner", zwei CDs, Vertrieb Naxos, erhältlich in den Trierer Musikhäusern oder im Internet bei verschiedenen Onlinehändlern.