Reinhold Messner erzählt in Trier vom Über-Leben unter Extrembedingungen und seinem Freiheitsdrang

Reinhold Messner erzählt in Trier vom Über-Leben unter Extrembedingungen und seinem Freiheitsdrang

Fast 1200 Zuschauer wollten am Mittwochabend in der ausverkauften Trierer Europahalle den wohl berühmtesten Bergsteiger der Welt sehen und hören: Reinhold Messner beeindruckte mit Abenteuern, erzeugte aber auch Nachdenklichkeit mit seinen philosophischen Gedanken dazu.

Der Mann ist eine Legende. Quicklebendig und eloquent dazu. Als er die Bühne mit der großen Videoleinwand betritt, ist es mucksmäuschenstill im großen, voll besetzetn Saal. Zuvor hatte er im Foyer schon Hunderte von Autogrammen und Widmungen in Exemplare seiner über 40 Bücher geschrieben, stoisch wie ein Fels der Dolomiten in Südtirol, die seine Heimat sind und die er über alles liebt.

Alle 14 Achttausender hat Reinhold Messner zwischen 1970 und 1986 ohne Sauerstoffflaschen bezwungen, die Antarktis und die größten Wüsten der Welt zu Fuß durchquert, und er hat - das ist auch für ihn selbst erstaunlich - all diese extremen Abenteuer überlebt. Als einer von ganz wenigen Bergsteigern seiner Generation.Der Tod gehört dazu

Messners ebenso talentierter Bruder Günther nämlich kam bei einer gemeinsamen Expedition auf den Achttausender Nanga Parbat in Pakistan in einer Lawine ums Leben. Reinhold hatte noch alles versucht, um ihn zu retten - vergebens. Das erzählt er ganz nüchtern, der Tod gehört besonders zum Leben eines Extrembergsteigers eben dazu, er habe selbst auch viel Glück gehabt in seinem Über-Leben, sagt Messner. Dennoch berührt die Geschichte, zeigt sie doch die Einstellung, dass es Größeres gibt als das eigene Schicksal. Die Natur sei nicht böse, mache keine Fehler, allein der Mensch sei fehlbar.

Wer wissen will, was Menschen wie Reinhold Messner antreibt, muss an diesem Januarabend in der Trierer Europahalle genau hinhören: ein ausgeprägter Freiheitsdrang, Entdeckerlust, Sucht nach Grenzerfahrungen und eine unbändige Neugier sind sicher die Basis für sein verrücktes Tun, dahinter steckt aber mehr. Nichts weniger als den Sinn des Lebens sucht er auf seinen Expeditionen in die Achttausender des Himalayas oder bei der Durchquerung von Eis- und Sandwüsten. Für ihn sei das "Umsetzen von Ideen in die Tat" der Maßstab für ein "gelingendes Leben", sagt er.

Absichtlich in der Gegenwartsform gehalten, denn auch mit 72 Jahren scheint Messner unglaublich fit, mit seinem Sohn bezwingt er immer noch steile Felswände oder Wüsten-Wadis. Sein fast zweistündiger Vortrag, den er frei hält, ist in Sektionen unterteilt, die Titel wie "Mut/Angst", "ÜbErleben. Überleben. ÜberLeben." tragen, unterstützt durch dramatische Musik und atemberaubende Bildsequenzen von den Orten seiner Abenteuer.

Messner ist sein Ruhm nicht zu Kopf gestiegen, fast bescheiden kommt er daher, die großen Gesten sind nicht seine Art. Er ist ein Familienmensch, geerdet bei all seinen Höhenflügen, tolerant allen Religionen gegenüber, jedoch selbst davon überzeugt, dass alle Götter doch nur Menschenwerk sind.Von Menschen und Geiern

Eindrücklich berichtet er von einer "Himmelsbestattung" (von der er auch schockierend ästhetische Fotos zeigt) im nepalesischen Himalaya-Gebiet, wo er Zeuge sein durfte, wie ein großer Schwarm riesiger Geier die sterblichen Überreste eines Verstorbenen restlos vertilgt und so jedes Atom wieder in den Kreislauf der Natur gelangt.

Ihn selbst faszinieren Männer wie der irische Polarforscher Ernest Shackelton, der zwischen 1914 und 1917 versucht hatte, die Antarktis rund um den Südpol mit dem Eisbrecher Endurance zu durchqueren. Er scheiterte und verlor sein Schiff, kehrte jedoch nach drei Jahren - unter irrwitzigen Umständen - mit all seinen 28 Männern wieder lebend heim. Shackelton war auch einer, der "dahin geht, wo niemand hingeht", aus diesem Holz ist auch Messner geschnitzt.

Seit Jahrzehnten schon engagiert sich Messner auch politisch für den Erhalt der grandiosen Kulturlandschaften der Bergzüge dieser Welt, etliche Museen hat er zu dem Themenkreis errichtet. Zudem kümmert sich seine Stiftung um Schulen und Krankenstationen vor allem im Himalaya.

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