Respekt vor den abgeklärten Alten: "Herbstgold"-Filmpremiere in Bernkastel-Kues

Respekt vor den abgeklärten Alten: "Herbstgold"-Filmpremiere in Bernkastel-Kues

Besonderer Film, besondere Vorführung: Das Mosel-Kino Bernkastel-Kues zeigt am Montag, 19. Juli, die preisgekrönte Dokumentation "Herbstgold" von Jan Tenhaven. Im Mittelpunkt: fünf Sportler zwischen 80 und 100 Jahren, die es sich und der Welt noch einmal zeigen wollen - und das in beeindruckender Weise auch tun.

Bernkastel-Kues. "Wenn ich jetzt Schluss mache, dann sterbe ich in einem Monat", sagt Herbert Liedtke. Er ist 93 Jahre alt. Sein Ziel: Das 100-Meter-Finale bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Senioren im finnischen Lahti.

Und so quält sich der gebürtige Deutsche, der 1938 vor den Nazis nach Schweden floh, bei Übungen an den treffend betitelten "Brutalbänken", dreht täglich seine Trainingsrunden, erzählt dabei aus seinem Leben und vom Tod seiner Frau, mit der er 52 glückliche Jahre hatte. Das alles tut er mit viel Witz und erstaunlich offen: Er habe seit etwa fünf Jahren "keine Sexualitäten" mehr gehabt, bekennt der späte Sprinter.

Liedtke schafft es nach Lahti - wie die vier anderen Frauen und Männer zwischen 82 und 100 Jahren, die Regisseur Jan Tenhaven für seine anrührende, humorvolle und spannende Dokumentation "Herbstgold" begleitet hat, darunter der 100-jährige Alfred Proksch aus Österreich und die Italienerin Gabre Gabric, die ihr Alter nicht verraten will: "Was ist eine alte Frau?", fragt sie empört. "Wer? Ich nicht!"

Natürlich ist sie eine alte Frau - wie alt, erfährt der sehr überraschte Zuschauer am Ende doch, weil eine Konkurrentin es ausplaudert. Egal, es ist dieser widerständige Geist, der den Film und seine Protagonisten beseelt. Nicht der Gedanke, unbedingt Höchstleistungen zu erbringen, um sich darüber Anerkennung zu verschaffen: "Da ist einer 100 Jahre alt und macht weiter - es geht um diese lebensbejahende Einstellung", sagt Tenhaven im Gespräch mit dem TV. "Auch wenn man es skurril findet, dass der sich mit dem Rollator auf den Platz schiebt."

Tenhaven weiß, wie viel Glück er mit den Hauptdarstellern hatte: Das seien schon richtige "Rampensäue". Tapfer, abgeklärt, selbstironisch: Diese Alten verdienen Respekt, machen Spaß - und Mut. Auch dem jungen Publikum, das ihnen bislang vor allem bei internationalen Filmfestivals zuschaute.

Fazit: In "Herbstgold" stecken mehr echte Helden und Emotionen als in manchem auf Gefühl getrimmten Spielfilm. Und am Ende steht ein Triumph, der einem die Tränen in die Augen treibt - obwohl der Sieg von Alfred Proksch schon vorher feststeht: Er ist der einzige Teilnehmer in seiner Altersklasse.

Zurzeit ist Tenhaven mit seinem Film in ausgewählten Kinos im ganzen Bundesgebiet auf Premierentour - und kommt am Montag, 19. Juli, um 19 Uhr auch nach Bernkastel-Kues, auf Einladung des Caritas-Verbands Mosel-Eifel-Hunsrück: "Die hatten von dem Film gehört und mich sehr schnell eingeladen", sagt der Regisseur. Im Anschluss an die Vorführung folgt ein Gespräch mit den Zuschauern.

Extra

Von den Alten lernen: "Experten fürs Leben" heißt die Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbands mit dem Ziel, das Wissen und die Fähigkeiten älterer Menschen für die jüngere Generation besser nutzbar zu machen. Nicht zuletzt im Dialog zwischen Jung und Alt - wie auch im Mosel-Kino in Bernkastel-Kues: Im Anschluss an die Vorführung (ab 19 Uhr) laden Kino, Caritas und Regisseur Jan Tenhaven die Besucher zum Gespräch ein. Eintritt: 5 Euro. (fpl)

Hintergrund

Erfolg mit "Herbstgold": Regisseur Jan Tenhaven wurde 1969 in Essen geboren, er war Reporter für öffentlich-rechtliche Fernsehsender und lehrt seit 2004 an der Schule für elektronische Medien in Potsdam-Babelsberg. Für "Herbstgold" erhielt er beim Dokumentarfilm-Festival "Hot Docs" in Toronto im Mai den "Filmmakers Award" - eine in diesem Jahr erstmals verliehene Auszeichnung, über deren Gewinner die beteiligten Filmemacher entscheiden. "Herbstgold" war dort außerdem einer der zehn Publikumsfavoriten. (fpl)