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Revolutionen und Wechseljahre: Autorin Gioconda Belli aus Nicaragua stellt in Trier ihr neues Buch vor

Revolutionen und Wechseljahre: Autorin Gioconda Belli aus Nicaragua stellt in Trier ihr neues Buch vor

Von wegen schwaches Geschlecht: Die Protagonistinnen in den Romanen von Gioconda Belli lassen sich nicht unterbuttern. Im TV-Interview äußert sich die bekannte Schriftstellerin und Poetin zu Männern, Politik und den Frauenfiguren in ihren Werken.

Bellis Erstroman "Bewohnte Frau" (erschienen 1988) verkaufte sich allein in Deutschland eine Million Mal, ihre Romane und Gedichte wurden mehrfach ausgezeichnet. Die Nicaraguanarin schreibt offen über Gefühle und Wünsche der Frauen und kämpft für ein selbstbestimmtes Leben. Sie unterstützte die Guerillabewegung in ihrem Land als Kurier und Waffenschmugglerin (siehe Extra), lebte zeitweilig im Exil. Mit ihrem Erstwerk über eine junge und mutige Revolutionärin im fiktiven Land "Faguas" schaffte sie den internationalen Durchbruch.

Belli lebt in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua. Am 14. November ist sie zu Gast in Trier. In der Tufa stellt sie ihren neuen Roman "Mondhitze" vor (siehe unten). TV-Redakteur Miguel Castro sprach mit ihr telefonisch vor ihrer Abreise nach Deutschland.

TV: Am Sonntag wird in Nicaragua gewählt. Die Politik Ihres früheren politischen Partners haben Sie kürzlich als "Danielismo" bezeichnet.

Gioconda Belli: Daniel Ortega benutzt die Symbolik und Sprache der sandinistischen Bewegung für seine eigenen Zwecke. Seine Politik ist völlig neoliberal. Der Sandinismus ist etwas, das ich sehr geliebt habe, und auch noch bei vielen Menschen in Nicaragua existiert. Aber was Daniel Ortega macht, ist "Danielismo" - für sich, für seine Familie. Es gibt keine Wahl, das ist eine Farce, um die illegtime Regierung Ortegas zu legitimieren. Er ist dabei, eine Regierung mit den gleichen Merkmalen derjenigen zu errichten, die wir 1979 gestürzt hatten.

TV: In Ihrem Roman "Waslala" hat die sogenannte Erste Welt "Faguas" vergessen - Ihre literarische Bezeichnung für Nicaragua. "Faguas" versteckt in seinen Grenzen eine Utopie.

Belli: Ich glaube an die Utopie. Ich denke, dass man einen Fixpunkt braucht, einen Leuchtturm, der die Überzeugung beleuchtet, dass es Edeltum und Güte in den Menschen gibt, und dass die Welt eine bessere als jetzt sein wird. Denn wenn nicht, wenn wir skeptisch und pessimistisch sind, wird das Leben sehr traurig sein. Daher, um meines eigenen Glückes wegen, glaube ich an den Menschen. Und ich bin zuversichtlich, dass wir einen gerechten Weg finden, um zusammen diesen Planeten bewohnen zu können, ohne ihn zu zerstören. Aber das wird eine lange Zeit in Anspruch nehmen! Die Literatur ist für mich eine wunderbare Möglichkeit, diese Möglichkeiten vorzuziehen und mit der Vorstellungskraft selbst die Zukunft zu entdecken, die wir eines Tages erbauen könnten.

TV: Was Sie schreiben, das sind oft die Abenteuer von Frauen: stark, auf der Suche nach Selbstverwirklichung.

Gioconda Belli: Seit der "Bewohnten Frau" hat mich die Idee gereizt, die Welt aus einer weiblichen Vision heraus zu beschreiben. Weil die Welt, die wir kennen, ebenso wie Staat und Macht, vom männlichen Verstand entworfen wurde. Mir ist wichtig, dass wir Frauen die Welt erklären. Diese andere Sicht ist eine starke Vision, die die Frau aus ihren Selbstvorurteilen als Geschlecht befreit. Das ist meine Überzeugung. In meinem neuesten Roman ("Mondhitze") stelle ich die Menopause vor. Das Thema ist noch immer tabuisiert. Das Buch zeigt, wie Vorurteile nicht zutreffen und eine Frau in der zweiten Phase des Lebens vollkommen bleibt.

Der Roman handelt von Emma, einer Frau in den fünfziger Jahren. Sie verliebt sich in einen jungen Mann, als sie in die Menopause eintritt. Warum ist diese ein Tabu?

Belli: Viele Frauen fürchten sie. Man sagt ihnen: das bedeute, sie seien "alt", im Verfallsprozess, sie seien "descartables" (ersetzbar), weil die Gebärfähigkeit nicht mehr vorhanden ist. Dieses Thema aus einer anderen Perspektive zu sehen, war eine Herausforderung, es ist ein Teil dieser Anstrengung, die weibliche Identität unter unseren eigenen Regeln neu zusammenzustellen.

Neu ist auch die Regierung in "Republik der Frauen": Eine "Partei der erotischen Linken" kommt an die Macht und versucht, die Welt der Arbeit und Familie in Einklang zu bringen - mit Pausen für Kinderbetreuung oder Hortplätzen am Arbeitsplatz.

Belli: Ich glaube, Männer haben jetzt eine ganz andere Haltung in Bezug auf ihre Familien, sie fühlen sich viel mehr verantwortlich als zuvor, nehmen mehr Anteil. Aber noch immer liegen siebzig Prozent der Hausarbeit - selbst in einem Land wie Schweden, von dem man annimmt, dass es so weiterentwickelt wäre - in Händen von Frauen. Das Gelingen des Versuchs, Familie und Beruf irgendwie zu vereinbaren und nicht in Konkurrenz treten zu lassen, ist von entscheidender Bedeutung für eine gerechtere Gesellschaft, in der Frauen die gleichen Chancen haben.

Die "Republik der Frauen" ersetzt zeitweilig die Männer in der Verwaltung durch Frauen: Eine Utopie, die Wirklichkeit werden könnte?

Belli: Ich denke schon. Die heutigen weiblichen Regierungschefs, so wie Angela Merkel, müssen derzeit noch nach den Regeln der Männer agieren. Frauen, die jetzt in der Politik sind, müssen beweisen, dass sie so viel "Mann" sind wie ihre Kollegen. Ich hoffe, dass eines Tages Frauen nicht mehr gezwungen sein werden, sich zu "vermännlichen". Mein Roman beschreibt eine Macht und einen Staat, der nach anderen Regeln spielt. Ich hatte viel Spaß beim Schreiben.

TV: Sie unterstützen mehr die weibliche Sinnlichkeit - wie ihre literarischen Figuren

Belli: Es ist eine mächtige Waffe (lacht). Wir haben einen großen Einfluss auf Männer, eine außerordentliche Macht, die zu nutzen man wissen muss. Es gibt eine Fähigkeit der Frau zum Erklären, Versöhnen, Tolerieren, die wir jeden Tag im Alltag mit den Männern und Kindern in unserem Haus ausüben. Das im Dienste der Gesellschaft ist eine sehr wichtige Waffe.

TV: In Ihren Romanen widersetzen Sie sich dem "Machismo", dem Männlichkeitskult. Ist er noch stark?

Belli: In Lateinamerika gibt es viel Machismo. Es ist die Region, wo es die meisten Verbrechen an Frauen in der Welt gibt. Aber es ist auch der Bereich mit den meisten weiblichen Staatschefs. Im Nahen Osten ist die Frau schrecklich unterworfen. In den Vereinigten Staaten gibt es keine Parität in Bezug auf das Gehalt. So haben wir noch viel zu tun. Diese Idee, die selbst Sie in diesen entwickelten Staaten haben, dass die Gleichstellung bereits geschafft ist: es ist nicht wahr. Ich spreche mit Frauen in Deutschland, mit Italienerinnen, Spanierinnen, und sie denken nicht so. Und deswegen lesen sie auch mich (lacht), weil es immer noch Fälle gibt, die nicht gelöst sind. Sie mögen, was ich vorschlage, und auch die Männer lesen mich!

Warum sollten Männer Ihre Romane lesen?

Belli: Um herauszufinden, wie Frau die Welt sieht. Außerdem ist es lächerlich, irgendwie "machohaft", zu denken: weil ich als eine Frau schreibe, müssten mich die Männer nicht lesen. Das wäre, als wenn ich nicht Hemingway lesen würde, weil er "für Männer" schreibt. Ich schreibe nicht für Frauen, ich schreibe keine "Liebesromane". Sondern Romane über wichtige Frauen, die große Herausforderungen im Leben zu bewältigen haben. Aber ich achte darauf, dass das Thema bedeutsam ist. Und viele Männer lesen mich. Ich erinnere mich an eine Episode von einem Bürgermeister in Deutschland. Er und seine Frau verliebten sich, als sie meine Gedichte austauschten. Ich habe das an vielen Orten erlebt. Die Tatsache, dass es Sex und Liebe in meinen Romanen gibt, ist, weil es das im Leben gibt.

TV: Das Thema Sexualität behandeln Sie sehr offen.

Belli: Mit gefällt es, so zu schreiben, weil ich das Gefühl habe, dass die Sexualität sehr schlecht behandelt wird. Ich spreche über sie in einer schönen, natürlichen Weise, veredele sie. Es ist eine der schönsten Sachen, zu der wir Menschen Zugang haben. Warum sollten wir es in eine schmutzige Sache verwandeln? Es ist ein integraler Bestandteil unseres Lebens!

TV: Wenn man von der (latein-)amerikanischen Literatur spricht, wird oft der Begriff des "magischen Realismus" erwähnt.

Belli: Ich schreibe über die Realität in meinen Romanen. Der (mit dem Geist einer toten Ureinwohnerin belebte) Baum in der "Bewohnten Frau" ist eine Metapher, üblich in der Poesie. Für mich sind "magischer Realismus" Frauen, die fliegen, oder grüne Haare haben, oder die Figur des Mauricio Babilonio aus dem Roman "Hundert Jahre Einsamkeit", dem zehntausend Schmetterlinge folgen. Aber der "magische Realismus" ist vorbei, er hatte seine Meister, vor allem Gabriel García Marquez. Niemand kann ihn kopieren.

TV: Sie haben in einem Artikel die politische Realität i n Ihrem Land als "realistisch-magischen Roman" bezeichnet ...

Belli: Das bedeutet, das man in der Wirklichkeit eine scheinbare Fiktion erlebt, etwa einen Revolutionär zu betrachten, der, nachdem er die Revolution gemacht hat, sich in einen Diktator verwandelt. Das ist ein bisschen wie Orwells Farm der Tiere. Der Roman ist auch "magischer Realismus", mit englischem Phlegma :)

Was erwartet uns in Ihrem nächsten Roman?

Belli: Eine große Überraschung: Mein Protagonist ist ein Mann und der Roman ist in der ersten Person erzählt. Ich mag die Herausforderung, sich vorzustellen, wie der männliche Blick funktioniert. Ich arbeite schon seit einiger Zeit daran. Es handelt von einem meiner Vorfahren, der im neunzehnten Jahrhundert aus Frankreich kam.Bücher

Eine Auswahl (alle Werke auf Deutsch): "Bewohnte Frau" (1988), "Tochter des Vulkans" (1990), "Die Verteidigung des Glücks" (2001), "Das Manuskript der Verführung" (2005), "Die Republik der Frauen" (2010). mcNicaragua

Das kleine mittelamerikanische Land (5,9 Millionen Einwohner) geriet nach dem Sieg der linksgerichteten Sandinisten-Guerilla über die Diktatur des Somoza-Clans (1979) in den Strudel der Weltpolitik und in einen mehrjährigen Bürgerkrieg, in dem die USA die rechten "Contra"-Rebellen unterstützten. Seit 1996 ist der Sandinisten-Chef und Ex-Guerillero Daniel Ortega wieder an der Macht. Am Sonntag stellt sich der Staatspräsident seiner zweiten Wiederwahl. Belli kritisiert so wie andere frühere Kampfgefährten seine Regierung. Die Opposition ist weitgehend ausgeschaltet, Ortega wird Vetternwirtschaft vorgeworfen. Seine Ehefrau ist Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten. dpa/mc Vortrag am 14. November

Gioconda Belli gilt als eine der einflussreichsten Schriftstellerinnen in Lateinamerika.Foto: Eric Dahan Foto: Eric Dahan (g_kultur

Am Montag, 14. November, 20 Uhr, ist Belli zu Gast im großen Saal der Tufa Trier. Sie präsentiert Gedichte und Auszüge aus ihrem neuen Roman "Mondhitze". Musikalisch wird die Lesung von "Grupo Sal" begleitet. Eintritt im Vorverkauf: 10 bis 15 Euro, Abendkasse 11 bis 16 Euro, Tickets unter www.ticket-regional.de