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Rezension Éric-Emmanuel Schmitt:

Aufgeschlagen : Onkel Bamba, der Marabout und der Heilige Geist

Der zwölfjährige Felix erkennt seine Mutter nicht wieder. Die lebenslustige, geschäftstüchtige und erfolgreiche Frau versinkt in eine tiefe Depression, nachdem sie den Fehler gemacht hat, einem Nachbarn im Pariser Stadtteil Belleville den Laden abzukaufen, um ihr Bistro „Le Bureau“ zu vergrößern.

Ein Fehler deshalb, weil der Erlös, den sie mit dem Verkauf ihres eigenen Lokals zu erzielen hofft, wegen Steuerschulden des Vorbesitzers sofort an den Staat fallen würde. Doch da sie den Kaufvertrag mit Monsieur Tchombé bereits unterzeichnet hat und dieser auf sein Geld wartet, steht sie vor der Pleite. Und die sorgt dafür, dass Madame Fatou N‘Diaye in Schockstarre verfällt, kein Wort mehr sagt und fortan wie besessen den Boden ihres Cafés schrubbt.

Der Name macht deutlich: Fatou ist keine Französin. Sie stammt aus dem Senegal, und dort baut man bei einem solchen Krankheitsbild auf andere Heilungsmethoden als jene, die die niedergelassenen Ärzte in Paris bevorzugen. Die Rettung kommt in Gestalt von Onkel Bamba, der Fatou zu einem afrikanischen Hellseher und Heiler bringt. Professor Koutoubou verlangt erst mal ein stattliches Honorar, ehe er aktiv wird und Kügelchen aus magischer Erde formt, die in der Wohnung verteilt werden sollen, um den Fluch irgendwie aufzusaugen. Aber merkwürdigerweise hilft das ebenso wenig wie der (kostenpflichtige) Rat einen zweiten Marabouts, wie diese Geisterheiler im Senegal genannt werden. Rettung bringt schließlich der Heilige Geist, der eines Tages vor der Tür steht und nicht nur behauptet, Felix‘ Vater zu sein, sondern ihn samt Fatou in ihre Heimat zurückbringt. Dort geschehen erwartungsgemäß noch merkwürdigere Dinge, deren Resultat an dieser Stelle zu verraten eine Menge vom Lesespaß nehmen würde.

Der französische Schriftsteller Eric-Emmanuel Schmitt („Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“) hat sich einen Namen als Erzähler und Erfinder ebenso liebenswerter wie skurriler Charaktere gemacht, die geradezu ungeheuerliche Geschichten mit einer solchen Selbstverständlichkeit erzählen, dass man ihren Wahrheitsgehalt nicht eine Sekunde lang anzweifelt. „Felix und die Quelle des Lebens“ reiht sich nahtlos darin ein. Die Novelle wimmelt von ebenso drolligen wie anrührenden Existenzen, die im normalen Leben vermutlich eher tragische Figuren wären. Sie alle sind Stammgäste im Bistro „Büro“, das Fatou nur aus dem Grund so genannt hat, damit die männlichen Besucher ihren Frauen am Telefon erzählen konnten, sie seien noch bei der Arbeit.

Zu weiteren Dauergästen gehört die zaghafte Eurasierin Mademoiselle Tran, die ihren Hund auf Anraten Fatous „Monsieur“ nennt, so dass sich auf der Straße alle Männer nach ihr umdrehen, sobald sie ihren Vierbeiner ruft. Madame Simon, die einmal Jules hieß und seit ihrer Geschlechtsumwandlung als Hure arbeitet, erweist sich als zupackende Freundin, die das „Büro“ während Fatous Depression am Laufen hält. Monsieur Sophronides, der stets denselben Barhocker okkupiert, kommentiert das Alltagsgeschehen mit dem Gleichmut eines Stoikers, und der schüchterne Robert Larousse, im Hauptberuf Staubsaugerreparateur, besucht das Büro täglich mit einem Wörterbuch unterm Arm, dessen Inhalt er von A bis Z auswendig lernen möchte; eine Arbeit, die ihn bei seinem Tagespensum etwa siebzehn Jahre lang beschäftigen wird. Ob er wirklich so heißt, ist nicht ganz sicher; auf jeden Fall sind „Le petit Robert“ und der „Larousse“ die meistbenutzten französischen Wörterbücher, also passt der Name schon irgendwie.

Das alles wird aus der Perspektive des zwölfjährigen Felix erzählt, der das merkwürdige Verhalten der Erwachsenen mit der altersweisen Klugheit eines Kindes schildert. Da schlägt die Trauer unvermittelt um in Heiterkeit, auf Trübsinn folgt Optimismus, und mit quasi großen Augen beobachtet und kommentiert der Junge die Schlitzohrigkeit und die Chuzpe seiner erwachsenen Mitmenschen. Ein echter Schmitt eben. Wahrscheinlich demnächst auch auf der Bühne oder im Kino zu erleben.

Rainer Nolden

Eric-Emmanuel Schmitt, „Felix und die Quelle des Lebens“, aus dem Französischen von Michael v. Killisch-Horn, 222 Seiten, 20 Euro.