Aufgeschlagen - neue Bücher: „Bad Castro“ von Kevin Brooks Eine schicksalhafte Nacht

In Clapham Common, einem Stadtteil im Süden Londons, kocht die Luft. Jugendbanden machen die schwüle Sommernacht unsicher. Polizisten sind in Mannschaftsstärke unterwegs, um das Chaos auf den Straßen zu beenden.

Rezension Literatur "Bad Castro" von Kevin Brooks​
Foto: TV/dtv

Einen berüchtigten Anführer, kaum älter als 17, haben drei Polizisten bereits festgenommen. Auf dem Weg ins Polizeirevier werden zwei von ihnen erschossen. Der Festgenommene, Bad Cas­tro, und die junge Polizistin Judy, die auf der Rückbank gesessen haben, kommen mit dem Leben davon und beginnen eine abenteuerliche Flucht vor dem wütenden Mob durch nächtliche Straßen und dunkle Hinterhöfe. Ihre beiden Schicksale verschlingen sich im Lauf der nächsten Stunden immer mehr. Dabei wird Judy zur Helfershelferin eines Teenagers, der vor keinem Verbrechen zurückschreckt, und Castro beschützt die junge Frau davor, von seinen Kumpels getötet zu werden. Als Judy klar wird, dass sie den Jungen nicht mehr aufs Präsidium bringen kann, ohne selbst der Beihilfe zur Flucht angeklagt zu werden, sind die beiden auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen, wenn sie diese Nacht überleben wollen. Während der nächsten Stunden erfahren sie zudem, dass sie viel mehr verbindet als eine rein „professionelle“ Beziehung – eine Erkenntnis, die ihre Leben tiefgreifend verändern wird.

„Bad Castro“ ist das neueste der rund 30 Bücher, die Kevin Brooks, Jahrgang 1959, seit 2003 vor allem für jugendliche Leser schreibt. Nach dem Studium verdiente er sein Geld zunächst mit Gelegenheitsjobs als Tankwart, im Zoo oder in einem Krematorium. Das Leben als Provisorium ist ihm also gut vertraut. Auch sein junger „Held“ Castro kennt das Gefühl, dass Improvisieren zum Überleben dazugehört – jedenfalls in seinen Kreisen. Aber auch Judy, die Polizistin, die gerade beginnt, sich in ihrem Beruf einzurichten und feststellen muss, dass nicht alle ihre Kollegen immer „die Guten“ sind, verliert im Verlauf dieser paar Stunden, die dieses mitten im Chaos angesiedelte Kammerspiel dauert, immer mehr den Boden unter den Füßen. Die beiden – offenbar – so unterschiedlichen Menschen entdecken immer mehr Gemeinsamkeiten, während sie stets aufs Neue in lebensbedrohliche Situationen geraten. „Bad Castro“ wird zwar als „Thriller“ angekündigt, doch dessen genretypische Versatzstücke fehlen hier vollkommen. Die Spannung bezieht der Roman aus seiner – auch in die Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn hinübergeretteten – atmosphärischen Dichte und dem Umstand, dass hier mehr angedeutet als explizit erklärt wird und der Ausgang dieser turbulenten Nacht vollkommen offenbleibt.

Fazit: ein spannendes, verstörendes Kammerspiel über zwei Außenseiter, die das Schicksal zufällig zusammenbringt.

Rainer Nolden

Kevin Brooks, Bad Castro, aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn, dtv, 203 Seiten, 13,95 Euro.

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