Rezension: Tatiana de Rosnay: "Fünf Tage in Paris"

Aufgeschlagen – Neue Bücher: Tatiana de Rosnay „Fünf Tage in Paris“ : Üppiges Familiengemälde mit intimen Geständnissen

In der Familie sein Innerstes offen zu legen, insbesondere, wenn es sich um intime Geständnisse handelt – wem fiele das leicht? Und da Eltern ein Leben vor ihren Kindern hatten, bleiben auch sie diesen ein Stück weit fremd – zumal wenn die Kommunikation nicht stimmt.

Diese existentiellen Grundbefindlichkeiten sind die großen Themen des aktuellen Romans der britisch-französischen Bestseller-Autorin Tatiana de Rosnay „Fünf Tage in Paris“: Lauren Malegarde hat zum 70. Geburtstag ihres Mannes Paul, eines berühmten Baum­experten, und zugleich zum 40. Hochzeitstag ein Familientreffen in Paris organisiert. Tochter Tilia, eine Künstlerin, reist aus London an, wo sie mit Mann und Tochter Mistral lebt. Sohn Linden, ein international erfolgreicher Fotograf, kommt aus Los Angeles. Der gesundheitlich angeschlagene Paul erleidet im Restaurant einen Zusammenbruch und fällt ins Koma, während seine Frau an einer Lungenentzündung erkrankt. 

Die Schriftstellerin Tatiana de Rosnay erhöht den emotionalen Druck auf ihre Figuren weiter, um sie dazu zu bringen, sich einander mitzuteilen: Sie lässt es unaufhörlich regnen und die Seine über ihre Ufer treten. Der seelische Aufruhr spiegelt sich in der Naturgewalt wider. Linden gesteht dem Vater am Krankenbett, als dieser aus dem Koma erwacht, dass er schwul ist, und mit einem Mann zusammenlebt. Die Mutter erzählt Linden, dass sie eine Affäre hat. Lindens Schwester Tilia leidet seit einem Autounfall, bei dem vier Freundinnen ums Leben gekommen sind, während sie überlebt hat, nicht nur an einer körperlichen Behinderung, sondern auch an Schuldgefühlen, die sie der Familie offenbart. Und auch der Vater Paul Malegarde hat ein Geheimnis: ein Kindheitstrauma, das erklärt, warum er eine große Liebe zu den Bäumen entwickelte. Es mag Leser geben, für die der Roman ein Zuviel an seelischen Komplikationen enthält, insbesondere, da auch dessen äußere Form die Aufmerksamkeit fordert: Die Geschichte ist in der dritten Person aus Lindens Perspektive erzählt und in sie hinein ist jenes tragische Kindheitserlebnis seines Vaters Paul konstruiert, das dieser selbst berichtet. Paul will sein Geheimnis nicht mit ins Grab nehmen, weshalb er seinen Sohn den gefährlichen Weg aus dem überschwemmten Paris zum Familienlandgut antreten lässt, um aus dem hohlen Stamm einer Linde einen Metallbehälter zu holen. Darin ist Pauls Aufzeichnung über den schicksalhaften Tag seiner Kindheit enthalten, der besagtes Trauma auslöste.

Aber wie glaubwürdig ist der Egoismus eines kranken Vaters, der seinen Sohn in eine so große Gefahr bringt, wie Paul es mit Linden tut, wo er sich doch während eines langen Lebens nicht anvertrauen wollte oder konnte? Bei aller sprachlichen Meisterschaft der Autorin und offenbartem Einfühlungsvermögen: Der Leser mag selbst entscheiden, ob die Beschreibung derart zahlreicher, unterschiedlicher seelischer Nöte von Menschen einer privilegierten Gesellschaftsschicht inmitten des Katastrophenszenarios des überschwemmten Paris auf ihn unterhaltsam und spannend wirken oder übertrieben auf emotionale Dauerbefeuerung konstruiert und klischeehaft. Vielleicht ein wenig wie in einem gut geschriebenen Unterhaltungsroman.   Sabine Ganz

Tatiana de Rosnay: „Fünf Tage in Paris“, C. Bertelsmann 2019.
Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens,
304 Seiten,
20 Euro