Rezension zu Angelika Waldis: "Ich komme mit" von Sabine Ganz

Aufgeschlagen – Neue Bücher : Von der  Fragwürdigkeit eines Versprechens

Es irrt der Mensch, solang er strebt“, heißt es in Goethes „Faust“. Das kommt einem in den Sinn im Blick auf die 72 Jahre alte Protagonistin Vita Maier im neuen Roman der Schweizer Autorin Angelika Waldis.

Er trägt den Titel „Ich komme mit“. Und genau dieses Versprechen gibt Vita ihrem an Leukämie erkrankten 21 Jahre alten Bekannten Lazar Laval, genannt Lazy. Es beinhaltet die Planung des gemeinsamen Suizids: Vita, die Lebensmüde, ist seit langem Witwe und hat den Kontakt zu ihrem in Australien lebenden Sohn verloren. Student Lazy hat keine Angehörigen mehr. Sein Vater hat ihm eine Eigentumswohnung und ein stattliches Schweizer Bankkonto vermacht. Im selben Haus wie Lazy lebt Vita seit mehr als 40 Jahren. Nach Ausbruch der Leukämie wird Lazy von seiner großen Liebe Elsie verlassen. Vita liest den erschöpften jungen Mann im Treppenhaus auf, nimmt ihn mit in ihre Wohnung und versorgt ihn mit Wurstbroten. Das ist der Beginn einer ungleichen Freundschaft – und auch dessen, was die Natur als Symbiose zwischen Jung und Alt vorgesehen hat: Vita umsorgt Lazy, der bald in das einstige Zimmer ihres Sohnes einzieht. Beide entkommen der Einsamkeit in lesenswerten tiefgründigen und ironisch-witzigen Gesprächen über Gott und die Welt. Auch in den Selbstreflexionen der Protagonisten geht es um existenzielle Themen wie die erste Liebe, Krankheit, Alter und Alleinsein. Der Roman erzählt die Geschichte von Vita und Lazy aus wechselnden Perspektiven – einmal aus ihrer und dann wieder aus seiner Sicht.

Die 78 Jahre alte Autorin Angelika Waldis offenbart erstaunliches Einfühlungsvermögen in die Seelenlage junger Menschen, sprachliche Virtuosität und Freude an Wortspielen.

Die Geschichte wirft Fragen ethisch-moralischer Natur auf. Denn die Symbiose zwischen Vita und Lazy wird hinsichtlich der Pflichten, die ein Mensch sich selbst und anderen gegenüber hat, zweifelhaft: Als Lazy signalisiert, sich keiner weiteren Therapie mehr unterziehen zu wollen, nimmt Vita die Planung des gemeinsamen Endes, das durch die Einnahme eines Medikamentencocktails erfolgen soll, in die Hand. „Wir dürfen das“, sagt Maier, „weil niemand um uns weint“, lässt die Autorin Lazy formulieren. Wie sehr Vita Maier irrt, wird der weitere Verlauf der Handlung zeigen, in dem sie eine letzte gemeinsame Reise in die Türkei organisiert. Zur wichtigen Begegnung für Lazy wird dabei das Mädchen Aydan. Schließlich äußert der Kranke den Satz, der eine Wende im Geschehen einleitet: „Hilf mir, Vita“.

Der Roman ist keine leichte Lektüre für zwischendurch. Wer sich auf ihn einlässt, muss das in dem Wissen tun, dass die Hauptfiguren aus dem Leben scheiden wollen. Darauf mag er mit Traurigkeit, Entrüstung, Nachdenklichkeit oder alledem reagieren. Hilfreich ist weder die Widmung der Autorin „Für das Leben“ noch der Prolog, in dem Lazy mit seinem Namenspatron Lazarus verglichen wird, den Jesus von den Toten auferweckt hat. Auch nicht die Tatsache, dass Vita im Lateinischen Leben bedeutet. Es sind Fingerzeige auf einen möglichen positiven Ausgang der Geschichte, die dieser aber nichts von ihrer Schwere nehmen. Trost erwächst aus dem Romanende, das Raum für Hoffnung lässt, philosophischen Betrachtungen, Wortwitz und der Erkenntnis, dass auch das Alter offenbar noch aus schwierigen Lebenserfahrungen eine Lehre ziehen kann. Sabine Ganz

Angelika Waldis: „Ich komme mit“, Verlag Wunderraum 2018, gebundenes Buch, 224 Seiten, 20 Euro.

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