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Aufgeschlagen – Neue Bücher
Ein existenzielles Drama – knapp und lyrisch formuliert

Khaled Hosseini Am Abend vor dem Meer
Khaled Hosseini Am Abend vor dem Meer FOTO: Verlag S. Fischer/Dan Williams
Was ist das Schlimmste, das einem Menschen zustoßen kann und mithin seine größte Sorge? Die Antwort gibt der weltberühmte US-amerikanische Schriftsteller Khaled Hosseini in seinem neuen Buch „Am Abend vor dem Meer“: der Tod des Kindes. Von Sabine Ganz
Sabine Ganz

Da tieftraurige existenzielle Wahrheiten und der Gebrauch vieler Worte einander ausschließen, benötigt der Leser denn auch weniger als zehn Minuten für die Lektüre der in poetischer Sprache gehaltenen Erzählung – das Betrachten der zahlreichen, die Ausführungen des Autor unterstreichenden Aquarelle des Londoner Illustrators Dan Williams miteingerechnet.

Bereits die Erkenntnis, dass die Kindheit seines Sohnes während des Bürgerkriegs in Syrien von Verlusten geprägt ist, beschwert dem fiktiven Erzähler in Hosseinis Geschichte, einem syrischen Vater, das Herz. Zur inneren Hölle aber wird für ihn die Sorge, dass seinem Sohn auf der Flucht in einem Boot über das Mittelmeer ins westliche Europa etwas zustoßen könnte sowie das Gefühl der eigenen Ohnmacht. Er beschreibt dies in einem Brief an sein Kind am Abend vor dem Besteigen des Bootes.

Dan Williams‘ Aquarelle sind zunächst in freundlichen Farben gemalt und zeigen die verlorene Welt, die der Vater für seinen Sohn in Worte fasst: eine grüne Hügellandschaft in Syrien, eine Blumenwiese, über die der Junge mit seiner Mutter spaziert ist, und einen Basar in der Stadt Homs, der Heimat des Erzählers. Die Bilder werden düster, als der Vater den Ausbruch des Krieges nach den syrischen Protestmärschen im Jahr 2011 schildert. Nur diese Welt ist dem Sohn vertraut. Dem Verlust eines Lebens in Frieden sind nun noch der Verlust der Ehefrau und Mutter und der Verlust der Heimat gefolgt.  Die Gedanken des Vaters kreisen um das Leid seines Jungen. Es war denn auch das tragische Schicksal eines Kindes, das Khaled Hosseini veranlasst hat, seine kurze Erzählung „Am Abend vor dem Meer“ zu verfassen: das des dreijährigen syrischen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi, dessen Leichnam im Jahr 2015 an der türkischen Mittelmeerküste an den Strand gespült worden ist. Das erschütternde Foto, das den kleinen Körper im Sand liegend zeigt, wurde zum Symbol für die Flüchtlingskrise in Europa.

Khaled Hosseini widmet sein Buch „den Tausenden von Flüchtlingen, die auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung im Meer ertrunken sind.“

Hosseinis Erzähler weiß, dass er seinem Kind auf dem Meer nicht mehr wird helfen können, wenn das Boot kentern sollte. Er kann nur beten. Damit beschreibt der Autor eine weitere existenzielle Wahrheit, die in der Extremsituation der Flüchtenden in besonderem Maß deutlich wird: Dem menschlichen Wunsch nach Selbstbestimmtheit sind Grenzen gesetzt, die ihn in die Demutshaltung zwingen. Christen, Juden und Muslime gebrauchen, um diese Tatsache zu beschreiben, die gleiche Formulierung: „So Gott will“ oder – wie der syrische Vater in „Am Abend vor dem Meer“ – „Inshallah“.

Der Autor Khaled Hosseini ist Vater zweier Kinder und fand als Flüchtling aus Afghanistan einst selbst mit seinen Eltern Asyl in den USA. Dieser Hintergrund gibt seinem Buch Authentizität und Überzeugungskraft. Es weist den Leser darauf hin, dass Menschen nur von bitterer Not getrieben ihre Heimat verlassen und dass daraus die Verpflichtung zum Helfen resultiert. Und es mahnt, zutiefst dankbar dafür zu sein, in Frieden leben zu dürfen. ⇥Sabine Ganz

Khaled Hosseini: „Am Abend vor dem Meer“, illustriert von Dan Williams, aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens, 2018, Verlag S. Fischer, 48 Seiten, 12 Euro.