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Rezension zu Olivia Potts: „Das Leben neu backen“

Aufgeschlagen – Neue Bücher: „Das Leben neu backen“ : Vom Trost des Bananenbrots und der Liebe

Es gibt kein Dasein ohne Schmerz und schwere Zeiten sind für das Lebensglück von grundlegender Bedeutung. Diese Erfahrung verarbeitet die junge britische Autorin Olivia Potts in ihrem literarischen Erstling, der autobiografischen Erzählung „Das Leben neu backen“: Als der Tod ihrer Mutter sie im Alter von 25 Jahren aus der Bahn wirft, arbeitet Olivia Potts als Staatsanwältin in London.

Heute hält sie keine Plädoyers mehr, sondern widmet sich als Patissière dem Backen von Torten – und schreibt.

In „Das Leben neu backen“ zeichnet die Autorin in Ich-Form ihren in der Trauerarbeit durchlebten Reifungsprozess und die damit einhergehenden äußeren Lebensveränderungen nach. Und das mit einer erstaunlichen Erkenntnistiefe, Fähigkeit zur Selbstreflexion und nicht zuletzt mit Humor. Ihren Schilderungen stellt sie die Widmung „Für Mummy, dank Sam“ voran: Ihren späteren Ehemann hat Olivia Potts kurze Zeit vor dem Tod ihrer Mutter kennengelernt. Diese Bekanntschaft wird für sie zu einer konstruktiven Begegnung. Sam begeistert sich fürs Kochen und Backen. Aus Liebe zu ihm beschäftigt sich Olivia Potts mit einer Kuchenkreation, als sie die Nachricht vom Tod ihrer Mutter erhält. Von Sam unterstützt durchlebt die Schriftstellerin die Stadien der Trauer und der Leser mit ihr: Sie verdrängt ihren Schmerz, indem sie backt und die Gerichte der Mutter nachkocht, denn sie stellt fest: „Der Akt, eine Mahlzeit mit meinen eigenen Händen zu kochen – und sie dann zu essen – hatte mich irgendwie geerdet“.

Der Leser erlebt die Autorin als kühl kalkulierende Staatsanwältin vor Gericht und erhält interessante Einblicke in das britische Justizwesen ebenso wie als mit Akribie wirkende Hobbybäckerin und Hobbyköchin. Olivia Potts beschenkt den Leser mit ihren Rezepten. Wer die Gabe annimmt, kommt der Schriftstellerin emotional näher als durch die Lektüre des Buchs allein und erlebt kulinarisch im positiven Sinne Überraschendes: etwa Bananen-Rolo-Brot, Sodabrot mit Käse, Mums Minestrone oder auch Windbeutel mit Earl-Grey-Füllung.

Aus dem Prozess der Trauerbewältigung erwächst in Olivia Potts die Sehnsucht nach einem neuen Leben: Sie gibt ihren Beruf als Staatsanwältin auf und lässt sich an der Londoner Niederlassung der internationalen Kochschule „Le Cordon Bleu“ zur Patissière ausbilden. Dort erlebt sie Höhen und Tiefen, und sie weiht den Leser in manche Geheimnisse der Profi-Backstube und Profi-Küche mit ihrem Präzisionsstreben und erhöhten Stresslevel ein.

Als sie sich ihrer Trauer und ihren Ängsten schließlich stellen kann, folgen daraus Klarheit und Selbsterkenntnis: Olivia Potts nimmt wahr, dass der Tod ihrer Mutter sie zwar verwundbar gemacht, aber auch emotional hat wachsen und selbstständig werden lassen. Ihr Resümee lautet: „Ihr Tod hat mich zu einem besseren Menschen gemacht.“ Zu diesem Reifeprozess gehört die Hochzeit mit Sam. Ihrem Ehemann verdankt die Autorin, dass sie an ihrer lebensverändernden Erfahrung wachsen konnte und nicht zugrunde gegangen ist.

Die Lektüre lohnt, weil die Schriftstellerin mit juristischem Scharfsinn und Eloquenz ein Thema beleuchtet, das in jedem Menschen Urängste weckt: Tod und Verlassenwerden. Weil es ihr gelingt, spannend eine seelische Entwicklung zu beschreiben, die zu einem reiferen, erfüllteren Leben führt. Ihr Humor und ihre Rezepte nehmen der ernsten Thematik die Schwere. Sabine Ganz

Olivia Potts: „Das Leben neu backen. Wie Trauer, Liebe und Kuchen mein Leben veränderten“. Wunderraum-Verlag Wilhelm Goldmann, München, deutsche Erstausgabe März 2020, 416 Seiten, 20 Euro.