Rezension zu Stefanie Stahl: "Sonnenkind und Schattenkind"

Aufgeschlagen – Neue Bücher „Sonnenkind und Schattenkind“ von Stefanie Stahl : Eine Bildergeschichte für die Seele

Bildern wohnt eine Zauberkraft inne. Sie wirken unmittelbarer als Theorien oder Erklärungen und  helfen, Wahrheiten zu verstehen und sie sich  ganz zu eigen zu machen.

Deshalb hat die Trierer Bestseller-Autorin und Diplom-Psychologin Stefanie Stahl gut daran getan, ihre Theorie vom  „Sonnenkind und Schattenkind“, die mehreren ihrer Bücher zugrunde liegt, unter ebendiesem Titel noch einmal in einem eigenen Bändchen zu verdeutlichen – mit einer Erzählung und farbigen Zeichnungen. Die Aufmachung senkt die Hemmschwelle, sich mit einem schwierigen und auch schmerzhaften Thema auseinanderzusetzen: den eigenen, durch die Eltern erfahrenen,  negativen  Kindheitsprägungen, die die Wahrnehmung der Wirklichkeit verzerren.

Sara, die Hauptfigur der Bildergeschichte, schleppt einen riesigen Koffer mit sich durchs Leben, der als Symbol für die seelischen Kränkungen aus der Kindheit steht. Es ist das, was die Psychologin Stahl als Schattenkind bezeichnet. Der Koffer ist auf allen Bildern zu sehen, die Sara in Situationen des Alltags zeigen. Auch wenn sie  mit ihrem Freund im Bett liegt, steht er zwischen den beiden. Warum Sara ihr Leben nicht recht genießen kann, oft niedergeschlagen ist,  den Alltag als anstrengend empfindet, schnell beleidigt ist und es allen recht machen will, weiß sie nicht zu sagen. Denn sie hat es bisher versäumt, den Koffer zu öffnen und sich mit dessen Inhalt  – den negativen Prägungen und Glaubenssätzen aus der Kindheit – auseinanderzusetzen. Die lauten etwa „Ich genüge nicht“ oder  „Ich muss perfekt sein“. Ihr Freund gibt den Anstoß dazu, in den Koffer hineinzuschauen.

Hier beginnt ein Prozess, der schwerer sein mag, als die Bildergeschichte es suggeriert und möglicherweise auch das Gespräch mit einem Psychologen erfordert: Sara lernt ihr verletztes Schattenkind kennen und es zu trösten, wodurch dieses auf den Bildern vom tyrannischen Riesenbaby auf handhabbare Puppengröße schrumpft. Sara wird selbstbewusster und entspannter.  Sie versucht, sich zu ertappen, wenn sie aus der Position des verletzten Kindheits-Ichs  emotional reagiert. Dann tröstet sie ihr Schattenkind und schaltet um auf ihr verstandesmäßig reagierendes Erwachsenen-Ich. Die Bilder zeigen, wie Sara schließlich die negativen Glaubenssätze in einen Müllsack steckt und den großen Koffer aus dem Fenster wirft.

Stahl gibt als zweiten Therapieansatz in ihrem Buch die Anregung, das Sonnenkind in sich zu stärken. Dies ist eine Metapher für die positiven Prägungen aus der Kindheit, die lebensbejahende Wesensseite  und die seelischen Ressourcen, die ein Erwachsener hat.
Das Bändchen bietet all denen, die vor umfangreicheren psychologischen Ratgebern eher  zurückschrecken und die Disziplin zu einer Selbsttherapie aufbringen, eine verständliche Kurzanleitung zur Selbstreflexion und zum Einüben neuer Reaktionsmuster, die  mehr Lebensgenuss versprechen. Sabine Ganz

Stefanie Stahl: „Sonnenkind und Schattenkind“,  April 2019, Kailash Verlag, München, 28 Seiten, zahlreiche farbige Zeichnungen, 15 Euro.

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