Rezension zu Vea Kaisers "Rückwärtswalzer"

Literatur : Balkanreise mit Leiche an Bord

Schon die Titel von Vea Kaisers Romanen lassen ahnen, dass ihre Geschichten nicht so ganz bierernst daherkommen werden. Ob ihr Debüt „Blasmusikpop“ (großartig), der Nachfolger „Makarionissi“ oder ihr neuestes Werk „Rückwärtswalzer“ – es dreht sich immer um eine mehr oder weniger – meist eher mehr – verrückte Familie.

Mit ihrer leichten, lockeren Schreibe gelingt es Vea Kaiser, witzige, komische Geschichten zu erzählen. In „Rückwärtswalzer“ oder wie es im Untertitel heißt: Die Manen der Familie Prischinger, werden gleich mehrere Schicksale einer Wiener Familie miteinander verknüpft und parallel erzählt. Das sind zum einen die drei Schwestern Hedi, Mirl und Wetti, die alle in jungen Jahren einen Verlust erlitten haben. Mirl will möglichst schnell den elterlichen Gasthof und das Landleben hinter sich lassen und heiratet den Beamten Gottfried Oberhuber. „Anfangs waren ihr seine Leibesfülle, sein rotes Gesicht, diese großen, fleischigen Hände mit Fingern wie Frankfurter ein wenig peinlich. Doch dann bemerkte Mirl, dass die Schulfreundinnen Gottfrieds Beamten-Würstel gar nicht wahrnahmen, sie hatten nur Augen für das Automobil, mit dem Gottfried Mirl umherkutschierte und auf dessen Windschutzscheibe Plaketten diverser Ausflugsziele prangten.“ Ihre Schwester Wetti arbeitet als Putzfrau im Naturhistorischen Museum. Die alleinerziehende Mutter hat eine dunkelhäutige Tochter, was in der Wiener Gesellschaft noch für Aufsehen sorgt. Und Hedi, die eigentlich mit der Liebe abgeschlossen hat, heiratet Willi.

Als der am Herzinfarkt stirbt, haben die drei Schwestern ein Problem. Willi, der ursprünglich aus Montenegro stammt, hat sich gewünscht, in seinem Geburtsland begraben zu werden. Jetzt kann nur noch einer helfen: Lorenz. Doch Willis Neffe hat gerade ganz andere Sorgen. Seine Freundin hat ihn jüngst verlassen, und zudem hat der arbeitslose Schauspieler kein Geld mehr, um sich die Wohnungsmiete zu leisten. Da allen das Geld fehlt, um Onkel Willi seinen letzten Wunsch zu erfüllen, machen sich Lorenz und seine drei Tanten mit einem Panda auf den 1029 Kilometer weiten Weg mit einer tiefgefrorenen Leiche auf dem Beifahrersitz.

Das klingt ziemlich absurd und überdreht, ist aber ein großer Spaß. Während der Roadmovie an Fahrt aufnimmt, werden parallel dazu die Lebensgeschichten der Familienmitglieder erzählt, aber auch Einblick in Österreichs Geschichte gewährt. Das ist sehr unterhaltsam und tatsächlich wirklich witzig. Nur ganz selten schrappt Vea Kaiser an die Grenze zur Albernheit, was man ihr aber gerne verzeiht. Professionell verwebt die Autorin die vielen Erzählstränge, immer mit einem Augenzwinkern und einer spürbaren Erzählfreude. Auch wenn am Ende niemand wirklich so richtig glück­lich durchs Leben gekommen ist, bleibt allen eins zum Trost: Sie haben einander. So setzt sie mit ihrem Buch „Rückwärtswalzer“ vor allem der Familie als letztem Rückzugsort ein kleines Denkmal. Blut ist eben dicker als Wasser.

Stefanie Glandien

Vea Kaiser, Rückwärtswalzer, Kiepenheuer & Witsch, 432 Seiten, 22 Euro.

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