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Rezensionen der 6 nominierten Bücher für den Deutschen Buchpreis 2020

Buchpreis : „Fäden, die die Welt bedeuten“

Eine Insel mit zwei Bergen, die fast jeder kennt: Thomas Hettches Roman „Herzfaden“ widmet sich der Augsburger Puppenkiste. Sein Werk ist wie alle rezensierten Bücher auf dieser Seite, für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert. Am Montag wird der Gewinner bekanntgegeben.

Ein zwölfjähriges Mädchen schlendert nach einer Theatervorstellung ziellos durchs Foyer, bis es eine kaum sichtbare Tür in einer Wand entdeckt. Neugierig geworden, versucht es, sie zu öffnen. Dahinter schraubt sich eine Wendeltreppe ins Dunkel, die es ebenso neugierig wie ängstlich hinaufklettert. Am Ende der Treppe gelangt es dort an, wo die meisten von uns auch schon waren: in der Fantasie- und Märchenwelt der „Augsburger Puppenkiste“. Wundersamerweise wird das Mädchen, das keinen Namen hat, genauso klein wie die Holzfiguren, denen es dort begegnet: Jim Knopf, dem Urmel aus dem Eis, dem kleinen König Kalle Wirsch, der Prinzessin Li Si, einem müd-melancholischen Storch und einem angsteinflößenden Kaspar, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat.

Was wie ein Märchen beginnt, wird immer mehr zu einer Chronik der dunkelsten deutschen Jahre und dem Versuch, eben diese Jahre zu verdrängen und vergessen, indem sich die Menschen der hektischsten Betriebsamkeit hingeben, die später einmal als die „Wirtschaftswunderjahre“ in die bundesrepublikanische Geschichte eingehen werden.

„Herzfaden“ nennt Thomas Hettche seinen „Roman der Augsburger Puppenkiste“, der viel mehr ist als die Biographie der bekanntesten deutschen Marionettenbühne. Es ist, vordergründig, die Geschichte von Hannelore, genannt Hatü, der ältesten Tochter Walter Oehmichens, die unzählige der Puppen erdacht und geschnitzt hat, die das von ihrem Vater gegründete Theater bevölkerten (und immer noch bevölkern). Der Schauspieler und Regisseur gehörte als Landesleiter der Reichstheaterkammer zu den Aktivposten des Nazi-Regimes. Da er nicht glaubte, nach dem Krieg entnazifiert zu werden und ans Theater zurückkehren zu können, gründete er sein eigenes – nicht ohne damit eine Mission zu verfolgen, um seine – vermeintliche oder reale – Schuld abzutragen: „Wir müssen“, sagt er einmal, „die Herzen der Jugend erreichen, die von den Nazis verdorben wurden. Und die Fäden, mit denen wir sie wieder an Kultur anknüpfen, das sind die Fäden meiner Marionetten.“ Der besondere Faden, der die Puppe mit dem Zuschauer verbindet, ist eben der „Herzfaden“ – unsichtbar, aber dazu fähig, die Marionetten für die Zuschauer lebendig werden zu lassen.

Man könnte bei Hettchens Roman, der Fantasie, Fantasy, Märchen, Mythen und Wirklichkeit meisterhaft verwebt, auch als „Doku-Fiction“ auf zwei Ebenen bezeichnen. Da ist zum einen der (in blauer Farbe gedruckte) historische Teil, der sich mit der Entstehung der „Puppenkiste“ beschäftigt; mit dem Spott und der Skepsis (realer Menschen aus der Kunst- und Theaterwelt), die Oehmichen entgegenschlägt, weil er nicht mehr „richtiges“ Theater machen will; aber auch mit der Bewunderung, die er und sein Team erfahren, als die Erfolgskurve steil nach oben zeigt. Es geht auch um das plötzliche Verschwinden von Menschen, die am Tag zuvor noch in derselben Schulbank saßen oder ein paar Straßen weiter weg wohnten; um Kriegszerstörungen und verzweifelten (Über-)Lebenswillen, das Zerbrechen von Freundschaften und aufkeimende Liebe zwischen den Trümmern. Und es geht um Schuld, die wie ein dunkler Nebel über den emsig mit dem Wiederaufbau beschäftigten Überlebenden liegt. „Tatsächlich gewusst haben wir nichts“, sagt der Vater einmal zu seiner Tochter. Und  fügt selbstkritisch hinzu: „Wollten es wohl auch nicht.“

Die zweite Ebene, in roten Lettern erzählt, handelt vom Traum, selbst eintauchen zu können in die Welt der Figuren aus der Kinderzeit, mit ihnen zu sprechen, von ihnen angehört zu werden, und gleichzeitig vom Schmerz des allmählichen Erwachsenwerdens. Da schlägt der Autor Brücken zu Alice, die ins Wunderland hineinstolpert, oder Dorothy, die dem „Zauberer von Oz“ begegnet. Das Mädchen, das auf den Dachboden des Theaters steigt, ist selbstverständlich mit den Insignien einer modernen Kindheit gesegnet, doch das iPhone hat in dieser magischen Welt bezeichnenderweise keinen Empfang. Und hier trifft das namenlose Kind auch die nach ihrem Tod allwissende Hatü, eine elegante, kettenrauchende Frau, die zwischen ihren Geschöpfen Platz genommen hat und für das Mädchen zum Abschied eine ebenso wehmütige wie tröstende Botschaft bereithält: „Meine Geschichte ist zu Ende. Aber deine Geschichte hat gerade erst angefangen.“

Was den eingangs erwähnten angsteinflößenden Kaspar angeht: Obwohl er ein Geschöpf von „Hatü“ ist, hat sie ein Leben lang Angst vor dieser Marionette. Den Grund dafür möge der Leser selbst herausfinden. So viel sei verraten: Er führt zurück auf die Ebene der realen Geschichte. Rainer Nolden

Rezensionen zu nominierten Büchern Deutscher Buchpreis 2020 Foto: Verlage Cover

Thomas Hettche, Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste. Kiepenheuer & Witsch, 280 Seiten, 24 Euro.