Rheinische Katharsis

Rheinische Katharsis

TRIER. Eine kleine Ankündigung genügte, und der große Saal der Tufa war restlos ausverkauft: Jürgen Becker, Kölner Kabarettist und Moderator der "Mitternachtsspitzen", kam für einen Benefiz-Auftritt zu Gunsten des Projektes "Dahers Weinberg" zu seinem ersten Gastspiel nach Trier. Er bescherte seinem Publikum mit "Da wissen Sie mehr als ich" einen nachhaltigen Lachmuskelkater.

Wie macht der Mann das? Keine Minute ohne Pointe. Macht in zwei Stunden geschätzte 120 Lacher. Und Lacher heißt in diesem Fall auch Lacher, nicht Schmunzeln oder Grinsen. Oft reicht es nicht mal für Beifall, weil der nächste Gag völlig nahtlos anschließt. Das Geheimnis besteht vielleicht darin, dass die Pointenfabrik Becker in ihrem Sortiment für jeden Geschmack etwas anbietet. Comedy, Karneval, Kabarett, Satire: Was andernorts sorgfältig getrennt wird, vereinigt sich bei Becker zu einer unnachahmlichen Mischung. Da stehen Kölner Kneipenwitze auf der Niveau-Höhe einer Theken-Trittstange bruchlos neben hintersinnigen, hochphilosophischen Raffinessen und deftigen politischen Frechheiten. Sottisen und Sophistereien

Die steife "political correctness" des klassischen Scheibenwischer-Kabaretts könnte nicht weiter entfernt sein, wenn Becker über "die Achse des Bösen in holländischen Wohnwagen" lästert. Bush und Carell, Jan Hus und Rex Gildo, Päpste und Popstars, Sottisen und Sophistereien: Der ehemalige Vormann der legendären Kölner "Stunksitzungen" bringt vermeintliche Gegensätze auf atemberaubende Weise unter einen Hut. Und das Publikum macht die rasende Berg- und Talfahrt lustvoll mit. Da lachen sich Leute bei Gags halb tot, über die sie bei einer Kappensitzung vor dem Fernseher allenfalls die Nase rümpfen würden. Dieser unwiderstehliche Witz-Mitnahme-Effekt funktioniert so gut, weil Becker die Kalauer mit einer fulminanten Beobachtungsgabe für menschliche Alltags-Mentalitäten koppelt. Sein liebevoll-entlarvender Blick auf den katholischen Rheinländer schlägt schon deshalb in Trier so ein, weil die Mosel eben doch ein Nebenfluss des Rheins ist, und der Schatten, den der hiesige Dom auf seine Umgebung wirft, kaum weniger prägend ist als der in Köln.Turbo-Kapitalismus und rheinische Marktwirtschaft

Irgendwann im Laufe des Abends wird unmerklich eine große Linie erkennbar: Von der (köstlichen!) Charakteristik des rheinischen Hausmeisters über die katholische Kirchengeschichte zu einer listig-genialen Analyse der Entstehung des Kapitalismus. Karl Marx und Guildo Horn, Christopher Street Day und Fronleichnam, Franz von Assisi und Adenauer: Irgendwie bringt Becker Ordnung in das Panoptikum, das er auf der Tufa-Bühne auftreten lässt. Anything goes, nix ist verboten, schließlich kann man es ja hinterher - wir sind in katholischen Kreisen - einfach beichten und sich die Absolution holen. Ganz anders als bei den Lutheranern, die wirklich ernst meinen, was sie sagen und damit in Beckers augenzwinkernder Betrachtungsweise alle Malessen der modernen Welt verursacht haben - auch den bösen Turbo-Kapitalismus, der die gemütliche rheinische Marktwirtschaft leider abgelöst hat. Irgendwann gibt man den Versuch auf, sich die Pointen alle zu merken, und lacht nur noch mit. Jürgen Becker geißelt kräftig, aber nicht mit Ruten, sondern mit Luftschlangen. Nach gut zwei Stunden tritt eine Art rheinischer Katharsis ein: Die Läuterung tut zwar niemandem richtig weh, man fühlt sich aber trotzdem besser. Der große Zuspruch und die begeisterte Reaktion bleiben nicht ohne Folgen: Jürgen Beckers Programm "Da wissen Sie mehr als ich" wird am 19. März noch einmal in der Tufa zu sehen sein.