| 18:03 Uhr

Trier
Bach rockt!

Die drei Musen bestechen durch ihr Spiel und ihre Gesangskunst: Tugend (Laetitia King), Kunst (Clara Folz) und Malvita (Esther Heimann).
Die drei Musen bestechen durch ihr Spiel und ihre Gesangskunst: Tugend (Laetitia King), Kunst (Clara Folz) und Malvita (Esther Heimann). FOTO: Foto: ArtEO Photography / TV
Trier. Die Kinder- und Jugendchöre am Theater Trier feiern eine umjubelte Premiere.

Bach wäre heute Rockmusiker. Oder Rapper. Oder Popsong-Schreiber. Denn die Werke von Johann Sebastian (1685-1750) sind aktuell wie bei ihrer Erstaufführung im Barock, weil zeitlos. Musik für die Ewigkeit – ob im Original oder in moderner Adaption. Frisch und modern kommen sie rüber im Musical „Krach bei Bach“. Aufgepeppt durch neue Kompositionen (Rainer Bohm), freche Texte (Gabriele Timm) und die 85 jungen Stimmen der Kinder- und Jugendchöre am Theater Trier.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Jüngsten am Augustinerhof das große Haus komplett füllen. Schließlich haben sie schon drei Konzerte und die Kinderoper „Brundibár“ aufgeführt. Doch dies ist ihr bislang stärkstes Stück. Und der Applaus, den sie dafür ernten, ist mit mehreren Vorhängen, lauten Bravo- und Zugabe-Rufen mehr als überschwänglich.

Erstmals verlangt Chorleiter Martin Folz den jungen Sängern szenisches Spiel ab. Erstmals arbeitet er mit Solisten. Und erstmals übernimmt er die musikalische Leitung und dirigiert neben den Chören auch das Philharmonische Orchester und die Band. Was hervorragend passt – das Zusammenspiel könnte besser kaum sein. Die jungen Sänger achten auch über die Köpfe der Musiker im Graben hinweg auf jedes noch so dezente Zeichen des Dirigenten.

Doch nicht nur der Gesang betört. Die Akteure setzen Ela Baumanns Inszenierung souverän um. Selbst die Jüngsten – die Vorchor-Kinder sind höchstens acht Jahre alt – wissen genau, worauf es ankommt. Überzeugend spielen sie gelangweilte Schüler, Bach-Sprösslinge und Störenfriede.

Denn nicht alles im Hause Bach läuft glatt. Da gibt es Streit zwischen Geschwistern und mit den Eltern, mit dem Thomanerchor, dem Rektor Johann Heinrich Ernesti. Die Kontrahenten sind schnell erkennbar: Isabella Reder hat sie mit unterschiedlich farbigen Perücken im Stil des Barock ausgestattet, während die Kostüme schlicht gehalten sind. Überhaupt besticht die Ausstattung durch Schlichtheit: Buntes Licht betont die Stimmung der Akteure; die Drehbühne verwandelt sich im Handumdrehen von Kirchenraum zu Schulhof zu Wohnzimmer.

Bei all dem Zwist mischen überirdische Mächte mit und sorgen für ein Gleichgewicht. Die Kunst (Clara Folz), stets positiv gestimmt, ist voll von sich überzeugt – optisch unterstrichen durch das goldene Kleid. Komödiantisches Talent beweist Esther Heimann als Malvita, das Laster. Mit dickem Bauch, der unter dem rot-weiß gestreiften T-Shirt hervorlugt, hüpft sie froh gelaunt über die Bühne, immer bereit, Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Und die Tugend (Laetitia King), immer um Ausgleich bemüht, trippelt im weißen Hosenanzug  vornehm über die Bühne. Baumann und Isabella Reder haben die drei Musen typbetont ausgestattet. Bestechend sind ihre klaren Stimmen, brillant ihre Interpretation des Präludiums Nr. 1 in C-Dur aus „Das Wohltemperierte Klavier“.

Die Bach’schen Originaltöne, teils stark modifiziert, sind immer erkennbar. So stecken im „Thomaner-Rock“ Themen aus dem „3. Brandenburgischen Konzert“, der Swingle-Kanon variiert einen Marsch aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena, das „Kraut und Rüben Tischgebet“ basiert auf den „Goldbergvariationen“.  Dazu gibt es rockige und poppige Töne und Rap (Johanna Lehnert, Stephan Baumbach). Sänger wie Musiker meistern diesen Genrewechsel spielend.

Musikalische Höhepunkte sind die Kantaten. So wird aus der Solo-Arie „Schlummert ein, ihr matten Augen“ ein wunderschöner vierstimmiger Chorgesang. Und das Chorwerk „August lebe, lebe, König!“ aus der Cantate BWV 207a mutiert zum ergreifenden „Hört den Klang“.

Das Musical ist voll von Bach’schen Ohrwürmern – auch für die jungen Zuhörer. Und es holt den übermenschlichen Bach vom Thron und macht ihn zu dem, was er war: zu einem ganz normalen Familienmenschen mit Ecken und Kanten – wenn auch genialen Komponisten. Einem, dessen Werke auch heute noch mitreißen und mitreißend intoniert werden können, wie die jungen Sänger am Theater Trier eindrucksvoll belegen.

 Weiterer Termin: 22. April, 16 Uhr, Großes Haus. Karten: Theaterkasse, Telefon 0651/718-1818.