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"Rock, rock, rock and roll, roll, roll"

"Rock, rock, rock and roll, roll, roll"

MEMPHIS. Ausflippende Teenager gab's bereits in den 40er-Jahren bei der gepflegten Unterhaltung eines Frank Sinatra. Doch es sollte noch zehn Jahre dauern, bis die erste Musik speziell für Jugendliche das Licht der Welt erblickte. Der Rock'n'Roll, der in diesen Tagen 50-Jähriges feiert, schlug ein wie eine Bombe und eröffnete die größte (sub-)kulturelle Revolution des Jahrhunderts.

Von der Erwachsenenwelt gehasst, begann in den 50ern mit einem neuen Sound made in USA die Popmusik im eigentlichen Sinn - unmittelbare Nachfahren des Rock'n'Roll wurden Beat und Rock. Der Rock'n'Roll war nichts anderes als mit Country & Western-Elementen angereicherter Rhythm & Blues und somit eine Fusion von schwarzer und weißer Musik. Mit der Völkerwanderung vom Süden nach Norden entwickelte sich im Chicago der 40er-Jahre aus dem getragenen ländlichen Blues der elektrifizierte und schnellere Rhythm & Blues. Country & Western hingegen hießen jene meist glatten Schlager, von Weißen in schnulzigen Cowboy-Kostümen intoniert. In den Fifties herrschte schließlich ein fruchtbares Klima zur Verschmelzung. Die weiße Mittelschicht durchlebte einen nie dagewesenen Wohlstand, doch die Jugendlichen langweilten sich. In jener restriktiven Ära, da sogar ihr Sexualleben von Staats wegen reglementiert wurde, sehnten sie sich nach Freiheit und dem berühmten Kick. Was blieb aber all jenen, denen der coole Modern-Jazz zu hochgestochen und wenig tanztauglich war? Bill Haleys Startschuss ins Rock-Zeitalter

Aller verordneten Rassentrennung zum Trotz hörte ein kleiner Teil bereits schwarzen Rhythm & Blues. Damit diese Musik den weißen Markt erobern und die Bewegung wachsen konnte, bedurfte es freilich weißer Interpreten und einer prägnanteren Spielweise. Beides lieferte Bill Haley aus Michigan, ehemaliger Musik-Manager einer Radiostation und Sänger einer erfolgreichen Country & Western-Band. Haley empfahl 1955 in seinem "Rock-A-Beatin-Boogie" explizit: "Rock, rock, rock everybody, roll, roll, roll everybody!". Die Zeile wurde Erkennungszeichen des Ur-DJ's Alan Freed, der den Begriff "Rock'n'Roll", einen Slang-Ausdruck für Beischlaf, als erster verwendet haben soll. Doch da hatte Haley den Rock'n'Roll längst erfunden: "Rock around the clock" hieß ganz programmatisch der Startschuss zum Rock-Zeitalter, von "Bill Haley & his Comets" am 12. April 1954 im New Yorker Decca-Studio abgefeuert. Bis der Song, einen Monat später veröffentlicht und schließlich mehr als 25 Millionen Mal verkauft, richtig einschlug, dauerte es freilich noch ein Jahr: Erst dann fegte "Rock around the clock" als Titelmusik des Films "Blackboard Jungle" (in Deutschland: Die Saat der Gewalt), mit Glenn Ford als Lehrer im Kampf gegen jugendliche Rowdys, auch durch die Kinosäle. Und mancherorts ging das Mobiliar zu Bruch, wenn die neue Hymne ertönte. Haleys Version von "Rock around the clock" mit seinem halligen Sound ist der Prototyp einer Rock'n'Roll-Aufnahme - ein idealer Song, aber kein idealer Star. Denn Haley, damals schon 30 Lenze alt, wohlgenährt und mit lächerlicher Schmalztolle, taugte weder zum Jungmädchen-Schwarm noch zum Rebellen. Diese Rolle übernahm zur gleichen Zeit der über zehn Jahre jüngere Elvis Presley aus Tupelo, der das kleine "Sun"-Studio im nahen Memphis aufgesucht hatte - um als Geburtstagsgeschenk für seine geliebte Mama ein paar Melodien aufzunehmen. "It's alright Mama" hieß entsprechend die im August 1954 veröffentlichte Geburtstags-Platte, ein Blues des schwarzen Sängers Arthur Crudup. Was Elvis zusammen mit seinen Studiomusikern bei jenen legendären "Sun"-Sessions aus Blues- und Country-Liedern herauskitzelte, war reinster Rockabilly, also früher Rock'n'Roll, der in den regionalen Plattenläden flugs zum Verkaufsschlager avancierte. Elvis Presley, der "King of Rock'n'Roll"

Zum Megastar wurde Elvis freilich erst anno 1956, nachdem "Sun"-Chef Sam Phillips seinen Schützling (für gerademal 35 000 Dollar) an RCA veräußert hatte. Neben seinem außergewöhnlichen Gesangstalent wucherte der "King of Rock'n'Roll" mit Show-Pfunden: Er sah blendend aus und schuf mit akrobatischen Hüftschwüngen eine erotische Bühnen-Aura, die in den prüden 50ern auf heftigsten Widerstand aller Moralapostelstieß. Kurz: Haley sang Rock'n'Roll, Elvis war Rock'n'Roll. Nach dem rockigen Urknall stürmten auch schwarze Musiker die weißen Charts, so die Presley ebenbürtigen Chuck Berry und Little Richard. Berry komponierte nicht nur zahlreiche Klassiker wie "Johnny B. Goode", "Roll over Beethoven" und "Rock and Roll Music", in denen er das Leben der jungen Generation ironisch unter die Lupe nahm, sondern war auch innovativster Gitarrist des Genres. Little Richard, Urheber von Knochenschüttlern wie "Long tall Sally" und "Good Golly Miss Molly", war dessen emphatischster Shouter und schrillster Paradiesvogel. Dicht gefolgt vom skandalträchtigen "Killer" am Piano, Jerry Lee Lewis ("Great balls of fire"). Unvergesslich auch der schlaksige Brillenträger Buddy Holly ("Peggy Sue", "Oh Boy"), der dicke schwarze Boogie-Woogie-Mann Fats Domino ("Blueberry Hill") und der "ewige Verlierer" Gene Vincent (mit guten Songs, aber nur einem Hit, "Be-bop-a-lula") Und die holde Weiblichkeit? An Rock'n'Roll-Ladies der 50er blieb eigentlich nur Wanda Jackson in Erinnerung, mit ihrer zünftigen, bis heute geltenden Einladung "Let's have a party".