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Rocky Horror Show in Trier: Außerirdischer Mutanten-Stadel

Rocky Horror Show in Trier: Außerirdischer Mutanten-Stadel

Zu dieser Prognose gehört nicht viel Mut: Die Rocky Horror Show wird der Kracher der Theater-Saison. Das ungewöhnlich bunt gemischte Publikum feierte die Premiere am Samstagabend mit minutenlangen Ovationen. Zu sehen gab es nicht nur eine Klasse-Show, sondern auch ein intelligent inszeniertes Theaterstück.

Gespannte Erwartung auf allen Seiten. Der Premieren-Abonnent in Schlips und Anzug schaut etwas skeptisch auf die junge Dame in schrillem Serviermädchen-Outfit, die gleich neben ihm den "Aktions-Set" aus Reis, Toastscheiben und Klopapierrollen zurechtlegt. Zweieinhalb Stunden später haben die Wurf-Utensilien längst ihren Zielpunkt auf der Bühne oder im Zuschauerraum erreicht, und die Zufalls-Nachbarn bejubeln einträchtig klatschend und hüftwackelnd die Zugaben - natürlich im Stehen.

Die "Rocky Horror Show" lässt niemanden kalt. Schon gar nicht, wenn sie so sauber gearbeitet, gut besetzt und präzise getimed daherkommt wie die Trierer Produktion. Keine extraterrestrische Materialschlacht, eher eine Boulevard-Komödie, mit teilweise einfachsten Mitteln, nach der Devise "originell statt opulent". Ausstatterin Sandra Fox findet mit dem skurrilen Rummelplatz-Ambiente und den exzellenten Kostümen einen Weg, sich vom übermächtigen Film-Vorbild zu emanzipieren, ohne die Erwartungen des Publikums zu enttäuschen. Herrlich der außerirdische Mutanten-Stadel im Hintergrund, gut choreographiert von Sven Grützmacher.
Es wird viel in den Zuschauerreihen agiert. Manchmal reichen minimale Requisiten, wie etwa bei der mit Szenenbeifall bedachten Autofahrt des jungen Spießer-Pärchens Brad und Janet, die in strömendem Regen und dunkler Nacht vor dem mysteriösen Anwesen des außerirdischen Wissenschaftlers Dr. Frank'N"Furter endet.

Es macht diesen Theaterabend zu einem besonderen, wie Regisseur Holger Hauer und Darsteller Michael Ophelders den berühmtesten Transvestiten der Theatergeschichte vom sonst oft gezeigten Freak zu einer tragikomischen Figur aufwerten. Ophelders verleiht der Rolle einen hinreißenden Touch von alternder Tunte - einer, der immer noch den männer- und frauenmordenden außerirdischen Vamp spielen muss, obwohl es schon überall zwickt. Das trotzige "wilde und ungezähmte Wesen" will eigentlich nur noch nach Hause. "Don't dream it, be it", dieses Leitmotiv der 70er Jahre, wird so zu einem melancholischen Abgesang auf die Aufbruchstimmung einer längst vergessenen Epoche.

"Rocky Horror" war einst in den Siebzigern eine kultige Satire auf den Horror- und Sciene-Fiction-Film. Holger Hauers 2010er-Version ist eben auch eine augenzwinkernde Parodie auf den Rocky-Horror-Kult selbst. Dafür kann er Akteure aufbieten, die den Abend souverän zu einem Erfolg führen. Stephanie Wettich bringt als Janet nicht nur das stärkste sängerische Potential ein, sie verkörpert auch - durchaus im Wortsinn - rundherum überzeugend das sexuelle Erwachen eines braven "All american girl". Jan Schuba ist ein grottenkomisch-verklemmter Brad, Michael Kargus komplettiert als ebenso stimmakrobatischer wie dämonischer Diener Riff Raff das Gäste-Trio. Barbara Ullmann und Sabine Brandauer als sexy Horror-Duo Magenta und Columbia, Tim Olrik Stöneberg als Frank'N'Furter-Kreatur Rocky mit seligem Baby-Lächeln, Peter Singer als herrlich-unsympathisch deutschtümelnder Dr. Scott: Lauter Volltreffer. Helmut Leiendeckers Alt-Rock'n Roller Eddie braucht gar nicht viel Maske, jedenfalls bevor ihn Frank'N'Furter zerlegt und in Fleischkäse verwandelt. Nicht zu vergessen der versierte, gekonnt mit dem Publikum spielende Erzähler Klaus-Michael Nix.

Das alles wäre freilich zwecklos, säße da nicht im Hintergrund eine vorzügliche Rockband. Joachim Mayer-Ullmann hat als musikalischer Leiter ganze Arbeit geleistet, hält Bühne und Band jederzeit zusammen, liefert mit den Sängern hörenswerte Ensembles, und führt den transsylvanischen Chor aus Theaterstatisterie und Akteuren der städtischen Musical-School zu einer Glanzleistung. Rhythmussicher liefern Peter Kasper (Bass) und Fred Boden (Drums) die Basis, auf der Saxophonist Martin Form und vor allem Gitarrist Christoph "Junior" Haupers musikalische Akzente setzen - die man sich in der ansonsten guten Aussteuerung durchaus noch etwas lauter vorstellen könnte.

Die Sache hat nur einen Haken: Es wird mühsam sein, Karten für die in den nächsten fünf Monaten angesetzten 23 Vorstellungen zu ergattern. Bis Ende Januar ist schon alles ausverkauft.