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Roman Monschau von Steffen Kopetzky führt ins Jahr 1962 in der Eifel

Literatur-Rezension : Eine vergessene Epidemie in der Eifel: Neuer Roman von Steffen Kopetzky

„Monschau“ heißt der neue Roman von Steffen Kopetzky. Und wieder hebt der Autor – nach „Propaganda“ vor zwei Jahren – in der Eifel einen Erzählschatz. Mittendrin: Ärzte, ein Unternehmensboss und Pocken-Infizierte.

„So eine Person“, lässt Steffen Kopetzky anfangs den Mediziner Günter Stüttgen zu dessen Assistenten sagen, „kann Dutzende weiterer Menschen anstecken. In einer städtischen Untergrundbahn zur Stoßzeit können es unter Umständen Tausende sein. Verstehen Sie, was das heißt, Nikos?“

Wir verstehen, was das heißt: Die Rede ist, natürlich, von einer Epidemie – die tatsächlich im Frühjahr 1962 im damaligen Kreis Monschau ausbrach. Und von der heute, wo wir wieder vor einem gefährlich mutierenden Erreger erzittern, kaum noch jemand weiß.

Denn rund um die alte Tuchmacherstadt regierte damals das Pockenvirus. Eingeschleppt hatte es, bei der Rückkehr aus Indien, der Monteur eines Herstellers von Industrieöfen im nahen Lammersdorf. Es war der letzte größere Ausbruch der Krankheit in Deutschland.

Vor zwei Jahren führte uns Steffen Kopetzky in seinem fabelhaften Roman „Propaganda“ in die Schlacht vom Hürtgenwald 1944 – und in eine Geschichte, die viel mit der Gegenwart zu tun hat. Stichworte: Whistleblowing und die Folgen, die man als „Verräter“ zu tragen hat, Fake News, Verdrehung der Wahrheit und der Tatsachen also, aus politischen und militärischen Zwecken.

Auch für seinen neuen Roman, der diesen Dienstag erscheint, hat er den Kern der Erzählung in der Eifel gefunden. Und wieder gelingt Kopetzky eine thematisch hochaktuelle Punktlandung.

Was noch keinen guten Roman garantiert. Aber Kopetzky montiert auch in „Monschau“ aus wahren Ereignissen und fiktionalen Elementen eine süffige und zugleich bewegende Geschichte.

Mittendrin: Die Otto Junker GmbH – im Roman: Rither –, gegründet 1924. Sie existiert noch heute in Lammersdorf (im Buch: Lammerath), mit etwa 800 Beschäftigten und weltweit führender Marktposition im Industrie-Ofenbau.

Und eine Figur, die bereits im Vorgängerroman eine Rolle spielte, ist ebenfalls der Realität entnommen: Günter Stüttgen, der 1945 im Hürtgenwald bei der Behandlung der Verletzten keinen Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Soldaten machte. Stüttgen, inzwischen Professor in Düsseldorf, wurde von der Landesregierung 1962 zurück in die Eifel geschickt, um die Eindämmung der Epidemie zu steuern.

Der Kampf gegen das Variola-Virus sollte zehn Wochen dauern. Zehn Wochen in einem Frühjahr voller Angst, in dem man, wie heute, den Karneval absagte. Zehn Wochen, in denen sich 33 Menschen ansteckten, eine junge Frau starb, 700 Bürger in Quarantäne geschickt wurden und viele nur mit entstellenden Narben die Krankheit überstanden.

Stüttgen wurde nach dem Krieg ein bekannter Dermatologe und in den USA als Held der Hürtgenwaldschlacht hoch geehrt – lange bevor man seine Verdienste auch in Deutschland zu würdigen verstand. Im Roman hat er einen jungen Kollegen dabei: Nikolaos Spyridakis. Ein griechischstämmiger Arzt war wirklich damals rund um Monschau im Einsatz.

Allerdings beginnen hier die Freiheiten, die sich der Autor nimmt, nicht zuletzt mit den wesentlichen Charakteren, aus deren Blickwinkel er sie erzählt: Da ist der junge Arzt, der zum Helden der Geschichte wird, und da ist Vera Rither, die junge Erbin des Unternehmens. Sie verliebt sich in Nikos, der Tag für Tag im schweren Schutzanzug den Dienst an der Pockenfront verrichtet.

Und da ist Geschäftsführer Richard Seuss, der die Rither-Werke steuert, seit Veras Vater starb. Seuss wird zum großen, skrupellos strippenziehenden Gegenspieler.

Denn der alte Kamerad mit dunkler Vergangenheit als „Wehrwirtschaftsführer“ und etlichen Verbündeten von damals hat mit der Firma etwas anderes vor als Vera, die sie in eine Stiftung überführen will. Und ist bereit, dafür auf schmutzigsten Pfaden zu wandeln (dem wahren Firmenchef Otto Junker wurde hingegen just im Jahr 1962 wegen seines Engagements für die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen die Ehrendoktorwürde verliehen).

Das ist die Ausgangslage. Kopetzky entwickelt daraus einen mitreißenden Medizinthriller, eine feine Romanze, lässt zugleich den Leser an den Schicksalen der Erkrankten teilhaben und fädelt zudem etliche Ereignisse aus der damaligen Zeit in sein fiktives Werk, während an den Geräten in der Wirtschaftswunderrepublik „Das Halstuch“ und „Die Familie Hesselbach“ laufen.

Irgendwer wird vielleicht meckern, dass die beiden Hauptfiguren allzu edel gezeichnet sind und der Bösewicht zu fies, aber geschenkt: Dafür freut man sich dann doch viel zu sehr daran, welch herrliches Porträt der Widerwärtigkeit Kopetzky mit diesem Seuss gelungen ist.

Und so zeigt er in „Monschau“, wie man aus einem kleinen Stück lokaler Zeitgeschichte großartig unterhaltende Literatur macht. Dabei hat er in der Eifel gleich zwei Mal einen erzählerischen Schatz gehoben. Sauberer Stoff, würde man als Tuchmacher sagen. Vielleicht kommt Kopetzky ja noch einmal zurück. Noch einen Roman, dann hat er eine Trilogie.

 Der Schauplatz in Steffen Kopetzkys neuem Roman: Monschau in der Nordeifel.
Der Schauplatz in Steffen Kopetzkys neuem Roman: Monschau in der Nordeifel. Foto: Fritz-Peter Linden
 Foto: Rowohlt Berlin
Foto: Rowohlt Berlin Foto: Rowohlt Berlin

Steffen Kopetzky: Monschau.
Roman.
Rowohlt Berlin, 355 Seiten, 22 Euro