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14Im Konferenzraum des Stuttgarter Hotels war wieder Kaffeepause.Der Seminarraum hatte sich geleert, auf dem Tisch lagerten zwischen Kaffeetassen und Wasserflaschen etliche Aktenordner, Konzeptstudien, Gläser und randvoll gefüllte Aschenbecher.Während zwei junge Servicekräfte mit kurzen, schnellen Schritten den Raum betraten, um die Getränkeboxen nachzufüllen und die Aschenbecher zu leeren, stand Paul Fricke auf dem Balkon.

Dort griff er zum Handy und wählte die Nummer seiner Frau. Während er wartete, schaute er hinunter auf die Straße, auf der sich vor wenigen Minuten ein Auffahrunfall ereignet hatte. Er sah, wie die beiden Fahrer miteinander sprachen. Der eine gestikulierte ungehalten und vorwurfsvoll, der andere zog gleichgültig die Schulterblätter in den Nacken, als wollte er sagen, dass er doch auch nichts dafür könne.Fricke wartete. Seine Frau nahm das Gespräch nicht an.Während es immer weiter klingelte, schaute er sein Handy fragend an und vermutete, dass für die Reisenden sicher einekleine Toilettenpause angesagt sei.Dann versuche ich es halt in der nächsten Pause noch einmal, dachte er.Der im Auto von Evi, Tobias und Jakob Fricke beschäftigte Rettungsassistent der Prümer Rot-Kreuz-Wache hatte das Klingeln des Handys, das zwischen einem unter dem Fahrersitz eingeklemmten Schuh Jakobs, Evis Brille und einer Tüte Gummibärchen lag, gehört. Doch er ließ es läuten. Der junge DRK-Mann war gerade dabei, ein Leichentuch über Jakob zu legen. Ihm konnte nicht mehr geholfen werden.Notarzt Dr. Wolfgang Nicolic stand mit verschränkten Armen vor den Trümmern des Autos. Schon vor ein paar Minuten hatte er aufgegeben, die Aids-Handschuhe abgestreift und mit versteinerter Miene hinter die Leitplanke geworfen. Seine Brille saß auf der Nasenspitze, sein dünnes, schütteres Haar klebte amKopf. Selten war er derart ins Schwitzen geraten. Dann ging er auf Gerhard Faust zu, der sich Notizen machte.Neben Faust stand Hans Bonefass, Reporter des Eifel-Journal. Er gehörte zu den Ersten, die am Unfallort eingetroffen waren. Er hatte sich auf dem Weg nach Olzheim befunden, als er im Polizeifunk die Meldung vom Unfall hörte und direkt auf das zweifelhafte Ziel zusteuerte.“Wenn es stimmt, was die Zeugen sagen, dann ist der Daimler mit unvorstellbarer Wucht direkt in die Windschutzscheibe des Astra geflogen„, seufzte Gerhard Faust und kratzte sich nervös an den struppigen Augenbrauen.Nicolic verschränkte die Arme nun im Genick: “Die Leute waren auf der Stelle tot. Da gibt es keinen Zweifel. Haben Sie den Kopf von dem Mann im Astra gesehen?„Faust schloss die Augen und pustete kräftig durch: “Bitte erinnern Sie mich nicht daran.„“So etwas habe ich wirklich noch nicht gesehen„, klinkte sich der Reporter ins Gespräch ein. “Ich habe das erst gar nicht als Unfall registriert. Ich sah: Da ist ein Wohnwagen, da liegt eine Gasflasche. Ich dachte, da ist was explodiert.„“Ja, das sieht wirklich aus wie nach einer Explosion„, bestätigte Nicolic, der sich nun seine Brille zurechtrückte und fragte: “Was weiß man eigentlich bis jetzt über den Hergang?Wer hat die Katastrophe hier ausgelöst? Hier blickt doch kein Mensch mehr durch„, stellte der Mediziner fest und schaute hinüber zu den Feuerwehrleuten, die, ohne auch nur ein Wort zu wechseln, Rettungsschere und Spreizer zurück in den Rüstwagen packten.Kommissar Faust rückte sich die Mütze zurecht: “Schwer zu sagen, wer hier die Schuld trägt. Ein Gutachter ist unterwegs.Eigentlich wissen wir noch nicht viel. Bis jetzt ging es ja drunter und drüber. Die Zeugenaussagen stimmen bisher aber ziemlich überein. Da muss noch ein anderer Wagen im Spiel gewesen sein. Vermutlich ein Porsche. Mal sehen. Aber ich sehe schon, das ist ein dickes Brett, das wir hier zu bohren haben.„Nicolic und Faust gingen die Unfallstelle, die sich über gut zweihundert Meter erstreckte, noch einmal ab. Sie schlenderten vorüber am Trümmerfeld aus Metall- und Kunststoffteilen, an der Stoßfängerbekleidung, an Scheinwerferbruchstücken, an der Abdeckblende des linken Außenspiegelgehäuses des Mercedes, an den ramponierten Radkappen des Astra aus Gelsenkirchen-Buir. Sie vernahmen den Geruch von Öl und Benzin und betrachteten ein weiteres Mal die Autowracks, während Erwin Roth hinzukam und die Männer schweigend begleitete. Fortsetzung folgt.Der Roman "Fluchtwunden" ist in allen TV-Pressecentern für 9,50 Euro erhältlich.