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196"Nicht jetzt", brummte Paco. Eigentlich war er ein guter Spieler, er hatte sich eine Menge Tricks bei Oswaldo und Martí abgeschaut und oft mit Oswaldo gespielt. Die Stofftür wurde aufgerissen, der Herold trat heraus und hinter ihm, von den Pagen geleitet, Graf Raymond.

Paco warf sich nieder. Der Graf nickte den beiden Söldnern kaum merklich zu. "Die Hunde brauchen Knochen und frisches Wasser, vergesst es nicht", sagte er und schritt mit federnden Schritten weiter, im Gewand eines Troubadours.Bewundernd sah Paco hinter ihm her. Hätte er die Gabe besessen zu singen, er hätte ein Lied darüber erfunden, wie wunderbar es war, seinem Vater so nahe zu sein. Still und beglückt lag er ausgestreckt vor dem gestreiften Zelt. Eigentlich hatte er nie weiter geträumt als bis zu diesem Punkt. Ihm ganz nahe zu sein, vielleicht kurz mit ihm zu sprechen, ihm womöglich zu sagen, dass er, der Senhor, sich ganz auf ihn verlassen konnte. Mehr war gar nicht nötig. Alles andere war jetzt unwesentlich. Er durfte ihm dienen, davon hatte er genau genommen von dem Tag an geträumt, als er mit Adelina zusammen ausgerissen war, um seinen Vater zu suchen. Es machte einen Unterschied, ob man einer von tausend Söldnern war, die in der Ferne irgendwo weit von Toulouse Dienst taten, oder ob man als Wächter für das Zelt des Herrn ausersehen war.Was für ein prächtiges und aufwendiges Zelt, wie erlesen die grauen Jagdhunde, die im Schatten dösten.Paco überkam Herzklopfen beim Gedanken daran, dass er in den nächsten Tagen die Gelegenheit nutzen musste, die ihm die Nähe bot. Er würde den Senhor kurz ansprechen und ihm die Grüße von Maiorina überbringen. Und dann -, wenn sein Vater ihn erkennen würde … Nicht vorstellbar, was dann alles geschehen könnte. Wie sein Vater ihn an die Brust ziehen und vor aller Augen umarmen würde, allein das sich auszumalen erfüllte Paco mit tiefem Glück."Komm, würfeln wir." Ungeduldig klackerte Guillhem mit den Würfeln im Lederbecher.Zwei Zisterziensermönche in ihrem grauen Habit schritten über den verlassenen Platz zwischen den Zelten."Siehst du die beiden da? Das sind die Legaten von Innonzenz, die auf unseren Senhor angesetzt sind. Die Päpstlichen sind hinter ihm her", sagte Guillhem, "sie lassen nicht ab von ihm.""Was wollen sie denn? Die Pfaffen, die frommen Tröpfe?""Leise, vorsichtig. Kein falsches Wort, Compadre." Guillhem war Kastilier, und die Tatsache, dass sie beide jenseits der Pyrenäen geboren waren, verband sie.Die Mönche verschwanden um die Ecke. "Du hast Schiss vor ihnen. Ich nicht." "Nicht Schiss." Guillhem wehrte ab. "Du denkst, Männer ohne Waffen am Leib können einem wie dem Grafen von Toulouse nichts anhaben. Ich sage dir, Compadre, die beiden sind schlimmer als jeder Feind mit Lanze und Schwert. Sie haben es darauf abgesehen, Graf Raymond zu vernichten.""Aber warum?""Wegen der Ketzer im Land. Er soll sie bekämpfen, Tausende, Zehntausende im ganzen Toulousain, jeder, der hier einmal gelebt hat, weiß, dass es unmöglich ist. Es sind zu viele, die das Kreuz verachten, die Sakramente verlachen und all das. Nirgendwo ist es so schlimm wie hier. Aber es ist nicht die Schuld des Grafen. Es ist wie eine Krankheit, die sich ausbreitet. Compadre, ich bin aus Kastilien, ich verstehe auch nicht, wie man auf die Hostie treten und über die Heilige Jungfrau lachen kann. Hier in Okzitanien tun sie das in jedem zweiten Haus.""Graf Raymond zertrampelt Hostien? Hör zu, das glaube ich dir nicht.""Ruhig, Compadre, er nicht, sonst säße ich nicht vor seinem Zelt. Ich würde keinem Senhor dienen, der die Jungfrau verlacht und auf Hostien herumtrampelt. Ich sagte ja, es ist eine Seuche, die im ganzen Land hier grassiert. Er ist unschuldig. Aber der Papst macht ihn verantwortlich für den Irrglauben der Leute." "Und deswegen sind die Mönche hier?" "Die beiden sind die persönlichen Gesandten des Papstes. Sie haben alle Vollmachten. Sie gehen herum, horchen die Leute aus und schreiben abends bei Kerzenschein lange Berichte an den Papst. Sie predigen auch auf den Marktplätzen und in den Städten und auf dem Land. Aber eigentlich sind sie die Spione des Papstes."Fortsetzung folgt.Das Buch "Der Sänger und die Ketzerin" ist in allen TV-Pressecentern für 9.90 Euro erhältlich.