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240Der Abt entfernte sich keuchend und ging in das gegenüberliegende Haus, in dem die Frauen versammelt waren. Doch während die Männer ihn wenigstens noch hatten reden lassen, fand er bei den Frauen überhaupt kein Gehör. Mit ärgerlichen Schreien jagten sie den alten Herrn hinaus, es fehlte nicht viel, so hätten sie ihm das Kruzifix aus den Händen geschlagen."Denkt an Euer Seelenheil", rief Guy de Vaux-de-Cernay, während sie versuchten, ihn durch die Tür hinauszudrängen."Genau das tun wir, Herr Abt", sagte eine junge hübsche Frau zu ihm, eine zarte Blonde. "Macht Euch keine Sorgen um unsere Seelen. Wir werden bald dort sein, wo Ihr nie hingelangen könnt, wenn Ihr mit Mord und Totschlag so weitermachen werdet. Satan hat Euch fest in den Krallen.""Gegen Satans Macht hilft Euch nicht das Kreuz, sondern nur die Umkehr", sagte eine andere. "Bekehrt doch Ihr Euch, Herr Abt. Geht mit uns ins Feuer und rettet Eure Seele."Der Scheiterhaufen war unterhalb der Stadt im ausgetrockneten Flusstal errichtet worden und bereits in Brand gesetzt. Die Ritter schauten in einem gewissen Abstand vom Feuer dem Spektakel zu. Direkt neben ihm standen die beiden Äbte, Arnaud Amaury und der von Vaux-de-Cernay, und einige Mönche. Die vierhundert Perfecti zogen in langer Reihe singend an ihnen vorbei. Guy de Vaux-de-Cernay empfand Bitterkeit und Betrübnis beim Anblick all dieser Menschen, von denen viele ganz jung waren. So wichtig der Feldzug auch war, man musste die Predigt intensivieren, wie Pater Dominico immer wieder forderte. Selbst wenn nur eine von hundert Seelen gerettet wurde, war es den Aufwand doch wert. Er dachte an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Am Ende würde Gott, der Herr, einen solchen bekehrten Ketzer mehr lieben als die von Anfang an gerechten Kinder der Kirche. Als er jünger war, dachte er beschämt, hatte er überzeugender, leidenschaftlicher gepredigt. Jetzt war seine Stimme schwächer, und ihm fehlte manchmal die letzte Überzeugungskraft. Hirten mussten jung und stark sein, um die Herde zurückzugewinnen. Dass er von den Hunderten nicht einen mit der Kraft des Wortes hatte überzeugen können, stimmte ihn traurig und hoffnungslos. Wollte der Herr, der alles konnte, nicht wenigstens einen einzigen von all diesen Leuten retten? Oder war er, der Abt, so unfähig? Wollte der Herr ihm, Guy de-Vaux-de-Cernay, seine Nichtigkeit zeigen? Die Flammen hier waren nicht der Triumph der Kirche, sie waren die tiefste Niederlage. Die Hirten hatten ihre Schafe schlecht geweidet. Aufgewühlt lenkte der Abt von Vaux-de-Cernay seine Schritte zum Scheiterhaufen.Einer nach dem anderen traten die Ketzer, ohne zu zögern, in die Flammen der brennenden Strohbündel und aufgeschichteten Holzscheite. Die Kämpfer mit dem Kreuz auf dem Waffenhemd zerrten jeden, der stehen blieb, in den Feuerstoß hinein. Die meisten aber gingen entschlossen von selbst.Fra Roberto sah aus flackernden Augen zu Leonor hinüber, als er zwischen die Strohbündel trat. Sie glaubte seine Blicke auf sich zu spüren, doch sie sah nicht zu ihm hin. Die Frauen neben ihr nahmen ihre Plätze ein, keine weinte, keine jammerte. Leonor hielt die rechte Hand an den Beutel mit Peires Brief. Auch er würde in den Flammen zu nichts verbrennen, und der Gedanke schmerzte sie. Peires Worte in seiner Handschrift, seine Sätze, die kein zweiter auf der Welt so formuliert hätte. Leonor trat einen Schritt zurück. Ein Ritter griff nach ihr und wollte sie in die Flammen stoßen."Lass sie los", herrschte der Abt von Vaux-de-Cernay ihn an. "Bereut Ihr, Sünderin?", fragte er Leonor."Ich weiß nicht", flüsterte sie. Das Stroh prasselte unter den aufzüngelnden Flammen und sank in sich zusammen. Halblaute erstickte Schreie drangen aus dem Inneren des Scheiterhaufens."Gott ist gut, und er liebt Euch. Auch hier ist er Euch nahe. Bekennt Euch zu ihm und seinem Sohn Jesus."Leonor stand am Rand der Gruppe, fast außerhalb des Feuers und deutlich abgegrenzt von den anderen Guten Menschen, die sich an den Händen hielten."Komm, Leonor", das war Fra Robertos Stimme.Sie hatte plötzlich ungeheure Angst, die Flammen könnten nach ihrem Gewand greifen, und in Sekunden wäre alles entschieden.

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