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Rotes Licht für Schwarzseher

Rotes Licht für Schwarzseher

FRANKFURT/TRIER. Die Frankfurter Buchmesse öffnet an diesem Samstag für die Öffentlichkeit. Zehntausende werden sich über neue Trends auf dem Buchmarkt informieren. Entwicklungen wie die Konzentration im Handel und im Verlagswesen oder der anhaltende Krimi-Boom rufen Kulturpessimisten auf den Plan. Der Trierer Experte Michael Pütz reagiert gelassen.

Bücher werden immer schneller und liebloser geschrieben und produziert. Die Palette der Neuerscheinungen ist immer weniger abwechslungsreich. Harry Potter und Kriminalromane in den Bestsellerlisten zeugen vom Niveauverfall der Bücherratten. Beliebig ließe sich diese Liste der Kritik am deutschen Literaturbetrieb, an Verlagen und dem Buchhandel fortsetzen. Schwarzmalerei, findet Michael Pütz, Stellvertretender Leiter der Trierer Stadtbibliothek im Palais Walderdorff. Behauptungen, die literarische Qualität insgesamt nehme ab, lässt Pütz nicht gelten: "Schnellschreiber hat es immer gegeben. Genau wie die Erscheinung, dass Bücher nach Marktgesichtspunkten geschrieben werden. Aber es wird immer auch Autoren geben, die sich darum nicht scheren, sondern das zu Papier bringen, was ihnen ein Anliegen ist." "Bedenkliche Tendenzen hat es immer gegeben"

Auch Phänomene wie den Harry-Potter-Boom müsse man keineswegs verdammen. Die Lektüre der Bücher um den jungen Zauberer sei "zumindest nicht schädlich". Zudem hofft Pütz, dass junge Leute über Harry Potter den Spaß am Lesen entdecken und anschließend zu anderen Büchern greifen. Und der lange Jahre geschmähte Kriminalroman, sagt Michael Pütz, habe sich längst "aus den Niederungen der Heftchen-Literatur erhoben". In der Frage der billigen Bücher-Editionen von Zeitungen und Zeitschriften wie der "Süddeutschen Zeitung" oder der "Brigitte" ist der Stellvertretende Bücherei-Chef gespalten. Nicht immer entscheide die literarische Qualität über die Aufnahme in eine solche Reihe, argwöhnt er, oft sei wohl der Preis für die Lizenz das Kriterium. Andererseits förderten solche Editionen das Interesse an Literatur: "Die Schwelle, ein Buch zu kaufen, sinkt natürlich, wenn der Titel statt 19,90 Euro nur 4,90 Euro kostet." Die Konzentration bei den Bücherverlagen und im Buchhandel betrachtet Pütz mit einigem Unbehagen. "Je weniger Verlage es gibt, desto geringer sind die Publikationsmöglichkeiten." Und: "Die Tendenz zur Kommerzialisierung wird stärker." Doch er hegt die Hoffnung, dass sich neben den Großen im Geschäft immer auch Gegenkräfte behaupten - kleine Verlage, die weniger bekannten Autoren ein Forum bieten. Es gebe jedenfalls keinen Grund zum Kulturpessimismus, meint der Trierer Experte. "Bedenkliche Tendenzen hat es immer gegeben." Schon in der Antike habe man in der Kulturszene geklagt, früher sei alles besser gewesen. Michael Pütz ist überzeugt: "Qualität wird es immer wieder schaffen." Dass selbst ausgesprochen exotische Buchprojekte auch heute noch eine Chance haben, zeigt ein Gedichtband, der pünktlich zur Buchmesse auf den Markt kam. Der Poet Joachim Ringelnatz (1883 bis 1934) soll einmal gesagt haben, er träume davon, dass man seine Bücher eines Tages mit feinem Jamaika-Rum drucke. Diesen Wunsch hat ihm der Berliner accurat Verlag nun erfüllt.