1. Region
  2. Kultur

Russische Seele, norwegische Kraft

Russische Seele, norwegische Kraft

Mit leichter Hand und dennoch fesselnd hat Vasily Petrenko das Oslo Philharmonic Orchestra in der Philharmonie Luxemburg dirigiert. Ein faszinierender Abend für 1300 jubelnde Zuhörer.

Luxemburg. Wenn Vasily Petrenko dirigiert, wachsen der Musik Flügel. Und das Publikum hebt bei so viel Aufwind gleich mit ab. So, wie man sich die moderne Ausgabe der russischen Seele vorstellt, wirkt der 38-jährige Dirigent aus St. Petersburg, wenn er mit Gefühl, Leidenschaft und einer gehörigen Portion planvoller Energie sein Orchester leitet.
Das alles schafft der Mann mit dem blonden Haarschopf über dem Jungengesicht mit einer so unerhörten Leichtigkeit, dass wie reine Lust am Spiel daherkommt, was doch ausgefeilte Feinarbeit ist. Denn ein Perfektionist ist der 1976 geborene Musiker allemal. Dass er kaum mit einem Konzerterfolg zufrieden ist, hat sich herumgesprochen.
Nach Luxemburg war der junge Russe zusammen mit dem Oslo Philharmonic Orchestra gekommen. Dass sich die Norweger auf herrliches Glitzern und feinsten Geigenglanz verstehen, wurde gleich eingangs hörbar in den "Hundert Volksliedern" ihres Landsmannes Geirr Tveitt, aus denen sie eine Auswahl spielten. Sagenhaft im Wortsinn: die wunderbare Harfe.
Überhaupt war die Mischung des norwegischen Komponisten aus Volksmusik, Ravel und Sibelius bestens geeignet, die vielfältigen Temperamente Petrenkos und seines Orchesters zu demonstrieren. Die Musiker verstehen sich nämlich nicht nur aufs Feinnervige. Sie können auch mächtig auf die Pauke hauen. Dass aus dem hohen Norden nicht nur Walküren, sondern auch musikalische Frauenpower kommen, bewies anschließend Tine Thing Helseth. Die Trompete der Norwegerin ersetzt eine ganze Oper. Zum Bravourstück geriet Joseph Haydns berühmtes Trompetenkonzert in Es-Dur. Helseths Trompete funkelte, strahlte, sang, scherzte, sehnte sich und stolzierte so selbstbewusst umher, wie das nur eine Trompete vermag.
Zum Ende schließlich Sergei Rachmaninows beliebte 2. Symphonie. Petrenko ließ weit atmend spielen. Herrlich schwangen die Melodienbögen. Die feinen Verwebungen der Symphonie wurden ebenso hörbar, wie ihre kontrapunktische Anlage, ihre endlose Folge an Widerspruch und Kontrast. Herrlich die Streicher, die strahlenden Trompeten. Wunderbar erklang das Adagio. Ohne jemals in Kitsch abzugleiten, spielten die Norweger mit einer Dringlichkeit, die tief ergriff und bewegte.