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Sänger mit Überraschungs-Effekt

Sänger mit Überraschungs-Effekt

TRIER. Mit einigen Jahren Verspätung kommt auch im Trierer Theater ein Trend an, der die Musiktheater-Welt dominiert: Die Wiederentdeckung der Barock-Oper. Die Premiere von Händels "Alcina" am kommenden Sonntag beschert dem Trierer Publikum die seltene Begegnung mit einem Stimmkünstler besonderer Art: Counter-Tenor Oliver May.

Oliver May kennt ihn genau, diesen Moment der Überraschung. Jenen Sekundenbruchteil, in dem der Mann mit dem Dreitage-Bart und der sonoren Sprech-Stimme den Mund öffnet, um zu singen. Die Verblüffung in den Augen der Zuhörer, wenn eine klare, helle Mezzosopran-Stimme erklingt, wo man einen Bariton oder Tenor erwartet. Der unsichere Blick, ob da wohl jemand anderes dem Akteur seine Stimme leiht. Oliver May ist gewöhnt, mit Irritationen umzugehen. Das muss man wohl, wenn man Counter-Tenor ist. Diese Sänger-Spezies stellt mit höchster Kunst und Künstlichkeit einen Klang wieder her, den die Komponisten vor 300 Jahren für Kastraten geschaffen haben. Im noch recht mittelalternahen 18. Jahrhundert war es gängige Praxis, gesangsbegabten Jungs vor Eintritt des Stimmbruchs vermittels eines unerfreulichen chirurgischen Eingriffs die hohe Stimme bis ans Lebensende zu bewahren. Mit wachsendem humanitären Bewusstsein verschwanden gottlob die Kastraten, mit ihnen aber bedauerlicherweise auch die Barock-Opern eines Händel, Monteverdi, Rameau oder Purcell. In den letzten 20 Jahren sind sie wieder schwer in Mode gekommen, und mit ihnen die Counter samt ihrer phänomenalen Kopfstimme. Als der Engländer Alfred Deller in den 50er-Jahren diese Kunst erfand, musste er bei jedem Auftritt gesondert auf seine intakte Männlichkeit hinweisen. Diesbezügliche Fragen bleiben Oliver May heutzutage erspart. Dafür kommt schon mal, wie in Trier bei den Proben, ein Kollege und fragt, ob das hohe Singen dem 40-Jährigen keine Kopfschmerzen bereite. May ist um eine qualifizierte Analyse, warum das Schweben in hohen Falsett-Tönen eher eine Wohltat ist als eine Qual, nicht verlegen. Schließlich hat der Dozent an der Musikhochschule Mainz schon wissenschaftliche Arbeiten darüber geschrieben. Als Konzertsänger hat er jede Menge Erfahrung, die Anzahl seiner Bühnenauftritte ist eher überschaubar. Dennoch bekam er trotz starker Vorsing-Konkurrenz den Zuschlag als vom Liebeszauber geblendeter "Ruggiero" in der Trierer Aufführung von Händels "Alcina". Ausgerechnet diese Hammer-Partie, die bis heute trotz des Counter-Booms aufgrund ihrer mörderischen Höhen meist von hoch timbrierten Mezzosopranistinnen gesungen wird. Mangelnden Mut zum Risiko kann man weder May noch dem Trierer Theater attestieren. Das Orchester (Dirigent: Franz Brochhagen) und das Ensemble haben keine große Erfahrung mit der koloraturgeschwängerten Musik, an die sich andernorts meist nur ausgewiesene Experten heranwagen. Und auch das Trierer Publikum wird ausgesprochen selten mit der überirdisch schönen, aber bisweilen auch zur Wiederholung neigenden Musik verwöhnt. Man hat die dreieinhalb Stunden deutlich gekürzt, singt die Rezitative in Deutsch und die Arien auf Italienisch. Regisseur Marcus Lobbes liefere eine Inszenierung, "bei der der rote Faden niemals abreißt", verspricht Dramaturg Peter Larsen. Sänger May hat derweil ein Rezept für Händel-Neulinge: Man müsse sich "einfach nur völlig auf die Musik einlassen", empfiehlt der Sänger. Der Rest gehe "wie von selbst".