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Sätze ohne Glanz tun weh

 Martin Walser. TV-Foto: Anke Emmerling
Martin Walser. TV-Foto: Anke Emmerling
Wittlich. Martin Walser, einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartsautoren, ist im Rahmen des Eifel-Literatur-Festivals nach Wittlich gekommen. 600 Besucher im Cusanus-Gymnasium hat er mit einer Lesung aus seinem aktuellen Roman "Das dreizehnte Kapitel", etlichen Bonmots und einer klaren Stellungnahme zum diesjährigen Literatur-Nobelpreis beeindruckt. Anke Emmerling

Wittlich. "In diesem Fall ist das Vorlesen anders als sonst. Es ist ein Dialog, das verlangt mich. Da kann ich nicht den Erzähler spielen, sondern muss hinein in die Rolle." Das könne klappen oder schiefgehen, sagt Martin Walser, als er sich hinter der Bühne für die Lesung sammelt. Wenig später ist die Option "schiefgehen" schon keine mehr. Vom Stehpult aus schleudert der 85-Jährige einen derart kraft- und ausdrucksvollen Vortrag in den Saal, dass ihm die 600 Besucher, darunter viele Schüler, gebannt an den Lippen hängen.
Er beginnt gleich mit dem ersten Kapitel, das satirisch beschreibt, wie der ältliche Schriftsteller Basil Schlupp auf einem Empfang beim Bundespräsidenten für die jüngere evangelische Theologieprofessorin Maja Schneilin entflammt. Obwohl sie ihn nicht zur Kenntnis nimmt, schreibt er ihr zwei Wochen später - und sie antwortet. Der nun folgende Briefwechsel, in dem sich die beiden Dinge gestehen, die sie ihren Ehepartnern nicht sagen können, in dem sie gar genüsslich Verrat an diesen kultivieren, wird in Walsers Vortrag zum Erlebnis. Deutlich kommt zum Ausdruck, was er vorher bekannte: "Es hat mir ungeheuer Freude gemacht, das zu schreiben".
Er zelebriert Majas und Basils Temperamente wie auch die - trotz aller betonten Aussichtslosigkeit - immer stärker steigende Temperatur ihrer Liebe. Da sprüht ein Feuerwerk virtuosen Ausdrucks, ob in Formulierungen wie: "Sie ritzen meine theologische Rüstung mit literarischen Pfeilen" oder Koseworten wie "Ihre Teilhaftige" oder "Ihr von Gemeinsamkeit Vibrierender". Im anschließenden Gespräch mit Eifel-Literatur-Festival-Macher Josef Zierden sagt Martin Walser dazu: "Was ist Liebe anderes als Sprache, der Rest ist doch Gymnastik."
Auch sonst hat er einige Bonmots zu seinem Buch parat: "Es ist doch das Schöne an einer Ehe, dass sie einen so bremst, dass man drüber hinaus will", oder: "Etwas unmöglich zu finden und es trotzdem zu tun, gehört zusammen, sonst wäre das Leben fad." Die eigentliche Entdeckung seines Buches sei: "Wir haben ein Innenleben, das auf einen Befreiungspartner wartet." Warum er diesbezüglich dem katholischen Protagonisten Basil Schlupp eine evangelische Theologin zugedacht hat, beantwortet er so: "Wir Katholiken können nur spielen, die Evangelischen können auch denken, das macht es interessant für mich."
Abgerundet wird der an Humor und Geist reiche Abend von einer klaren Stellungnahme des Autors zur aktuellen Debatte um die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an den Chinesen Mo Yan. Die, die schrieben, etwas mehr Dissident wäre gut, hätten seine Romane nicht gelesen.
Die Moralität eines Schriftstellers äußere sich in seinen Büchern. "Da lässt Mo Yan beispielsweise eine Hochschwangere bei Beginn der Wehen Selbstmord begehen. Eine härtere Kritik am Regime habe ich noch nie gelesen." Auch dafür erntet Martin Walser viel Applaus.