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Sager und der russische Kalif

Sager und der russische Kalif

Was Dirk Sager seinen rund 250 Zuhörern beim Eifel-Literatur-Festival geboten hat, war keine Lesung. Es war weit mehr: eine ebenso spannend wie kurzweilig aufbereitete Erklärung dafür, wie ein Mann namens Putin derart mächtig werden konnte.

Bitburg. Es gab einmal ein großes fernes Land, regiert von einem Kalifen, der in dem Ruf stand, mit harter Hand zu walten. Eines Tages gab er das Versprechen, seinen Platz einem anderen zu überlassen. Lange schaute er sich unter seinen Getreuen um, ehe er den richtigen fand. Als sie sich dann zum ersten Mal in ihren neuen Rollen begegneten, nahm der alte Herrscher seinen gewohnten Platz ein und das ganze Volk konnte sehen, dass alles so bleiben würde wie es vorher war. Dirk Sager wäre froh, wenn es sich bei dieser von ihm erzählten Geschichte tatsächlich um ein Märchen handelte. Doch sind es Bilder dieser Tage und sie sind ganz real. 17 Jahre lang hat Sager als ZDF-Korrespondent in diesem "Märchenreich" namens Russland gelebt. "Nach einer so langen Zeit ein Buch so voller Bitterkeit vorzulegen, fällt mir schwer", sagt er. Die Rede ist von seinem neuesten Buch "Pulverfass Russland", das er am Freitagabend im Rahmen des Eifel-Literatur-Festivals im bis auf den letzten Platz gefüllten Festsaal des Hauses Beda in Bitburg vorgestellt hat. Um seinen etwa 250 Zuhörern klar zu machen, wie der "Kalif" namens Putin derart mächtig werden konnte, entführt er sie in das Sibirien der Jelzin-Zeit. Einer Zeit der Demokratie, einer Zeit des Elends. Er entführt sie in ein Leichenschauhaus, in dem sich die Toten stapeln, weil niemand das Geld besitzt, sie zu begraben und zu Fischern, die Holzhütten verbrennen, um nicht zu erfrieren... "Putins Aufstieg ging einher mit dem Niedergang der Demokratie", sagt Sager. Bei Jelzins öffentlichen Auftritten habe das ganze Land gezittert aus Angst vor seinen Entgleisungen und dann kam dieser alerte junge Mann, der das Land einschwor auf einen neuen Kurs - und ihm ökonomische Stabilität brachte. Der Kauf eines Autos sei nun für die meisten Russen greifbar, ein Besuch im Biergarten fast schon Alltag. Sager liest nur wenig, er erzählt. Erzählt von bis heute nicht aufgeklärten Attentaten, die als Vorwand genutzt wurden, Kriege zu beginnen, erzählt von den Lügen der Regierung, den Methoden des Geheimdienstes. Und von der Zensur. Wieder entführt er seine Zuhörer, diesmal in die Redaktion der "Nowaja Gaseta", einer Zeitung, deren Reporter täglich ihr Leben riskieren, damit ihre Landsleute erfahren, was in Russland wirklich passiert. Viele Fragen nach Alltag und Außenpolitik

"Dieses Russland ist gefährlich. Ein Land, in dem die politische Macht alleine in einer Person verankert ist, kann man nicht stabil nennen", sagt Sager. Sein Publikum ist mehr als aufmerksam. Es ist, wie die zahllosen Fragen zeigen, ernsthaft interessiert: russischer Alltag, Außenpolitik, Wirtschaft, Kultur… "Das ist nicht immer so", sagt der bekannte Fernsehjournalist, nachdem er mehr als eine Dreiviertelstunde lang Antworten gegeben hat. Die Eifel werde ihm in Erinnerung bleiben - nicht nur, weil es seine vorerst letzte Lesung war. Der nächste Termin des vom TV präsentierten Eifel-Literatur-Festivals ist am Mittwoch, 21. Mai, um 20 Uhr: Die Fernsehmoderatorin Petra Gerster liest dann in der Prümer Karolingerhalle aus ihrem aktuellen Bestseller "Reifeprüfung". Karten gibt es in den TV-Presse-Centern Trier, Bitburg und Wittlich, unter der TV-Tickethotline 0651/7199-996 sowie unter www.volksfreund.de/tickets.