Sanfte Überredungskraft

TRIER. Mehr als zweihundert, junge Leute auf der Bühne, eine ausverkaufte Basilika St. Maximin und eine bemerkenswerte Aufführung: Das Konzert des Universitätschors war weit mehr als nur eine Angelegenheit der Hochschule.

Auf der Bühne in der ehemaligen Abteikirche St. Maximin ging es eng zu. Zum "Deutschen Requiem" von Johannes Brahms hatten sich Chor und Orchester der Universität Trier und dazu der Grazer Universitätschor aufgestellt, zusammen sicherlich 210 Personen. Ein Riesenapparat. Aber dann setzt der Chor ein - nein nicht eine amorphe Masse, sondern ein konturenstarkes, blitzsauberes Ensemble, dem im ersten Satz auch die acht Takte ohne Orchester-Unterstützung nicht die geringsten Intonationsschwierigkeiten bereiten. Da trat keine singende Zufallsversammlung an, sondern ein sorgfältig vorbereiteter, präziser und höchst präsenter Klangkörper. Die stimmlichen Möglichkeiten junger Sängerinnen und Sänger sind begrenzt. Dirigent Alexander Mayer geht mit ihnen überlegt und vorsichtig um. Da gibt es keine Überanstrengungen, keine Forcierungen, keine heftigen Akzente. Eher verzichtet der Dirigent auf Glanz, wie im schwach besetzten Tenor. Gewiss fehlte im zweiten Satz auch etwas von der beklemmenden Wucht der Musik. Statt tragischer Hochspannung strahlte sie nur milde Nachdenklichkeit aus. Und doch stimmt das Konzept. Es ist eine fließende, manchmal beschwingte Brahms-Interpretation, sicher in der Tempogebung, immer atmend und flexibel, fern von verspannt Akademischem, aber auch ohne Oberflächlichkeit und euphorische Hektik. Brahms, der Romantiker. Seine a-cappella-Chormusik klingt mit, seine frühe Kammermusik. Und bei aller Massierung bleibt der Chorklang doch so transparent, dass das sorgfältig musizierende Orchester nicht untergeht. Die Holzbläser breiten zum Chorsatz hörbar ihre Klanggirlanden aus. Aber auch die Streicher, sogar das Blech, sie sind präsent, und setzen dabei genau so auf Beweglichkeit und warme Lyrik wie der Chor. Am bewegendsten geraten die Mittelsätze des "Deutschen Requiems". Yaron Windmüllers kultivierter Bariton beschwört im dritten Satz die menschliche Vergänglichkeit schlicht, sprachgenau und frei von allen opernhaften Allüren. Anne Kathrin Fetiks exzellent geschulter Sopran vermittelt im fünften Satz eindringlich Traurigkeit und Trost, und Orchester wie Chor korrespondieren mit einer Diszi-plin und einem Einfühlungsvermögen, die erstaunen machen. Und der vierte Satz! Wie viel Vertrautheit und Wärme vermittelt er, geschlossen und organisch musiziert und manchmal mit einem ganz leisen Beiklang von Walzerseligkeit! Musik, die berückt und sanft für sich einnimmt. Zustimmung, Begeisterung, auch Angerührtsein in der ausverkauften Basilika St. Maximin. Das Konzert war mehr als eine Angelegenheit der Universität. Längst strahlt, was in Tarforst künstlerisch erarbeitet wird, auf das Kulturleben der Stadt aus.