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"Satire ist eine ernste Angelegenheit"

HAMBURG. Für seine satirischen Texte erhält er Heiratsanträge und Morddrohungen. Sein "vitales Dissidententum und eine Prosa, die in ihrer Verbindung aus grobem Ton und feinem Stil be-ste Zeitungskunst ist", haben Wiglaf Droste jetzt den Ben-Witter-Preis eingebracht, der mit 12 500 Euro dotiert ist.

Schmeichelt Ihnen eine solche Auszeichnung oder sind Sie eher skeptisch gegenüber Preisen? Droste: Im ersten Moment, als mich der Anruf von Herrn Kersten aus der Jury erreichte, dachte ich, da wollte mich jemand veräppeln. Weil ich meine Skepsis gegenüber solchen Preisen mehrfach öffentlich geäußert habe. Andererseits merkte ich dann schon, dass das echt ist und die sich versichern wollten, dass ich den auch wirklich annehme. Denn mit der ersten Preisträgerin Gabriele Goettle hatten sie mal Schwierigkeiten gehabt, weil die nicht zur Preisverleihung erschienen ist. Frau Goettle tritt niemals öffentlich auf. Spielt es für Sie eine Rolle, wer Ihre Vorgänger sind? Droste: Ich habe mich erst mal erkundigt, wer den Preis vorher bekommen hatte. Da stellte ich fest, ich bin in keiner unappetitlichen Gesellschaft. Den Büchner-Preis kann man ja nicht mehr annehmen, seit Wolf Biermann ihn hat. Und Durs Grünbein. Es gibt so ein Literaturbetriebspersonal, das mit Literatur nichts zu tun hat, sondern nur mit Betrieb. Und in dieses Kartell möchte ich auf keinen Fall geraten. Nachdem ich zudem hörte, dass die 12 500 Euro steuerfrei sind, habe ich entschieden, ihn anzunehmen. Wissen Sie schon, was Sie mit dem Preisgeld machen? Droste: Ich habe vorher schon entschieden, nicht noch mal einen ganzen Winter in Berlin zu verbringen, weil das krank macht und aufs Gemüt geht. Ich hatte schon geschaut, dass ich in Portugal am Atlantik ein Häuschen mieten kann und wusste noch nicht, wie ich das finanziere. Dank des Preisgeldes weiß ich das jetzt. Was ist Ihr Hauptanliegen beim Schreiben? Die Leser zu unterhalten, etwas zu verändern oder sich Luft zu machen? Droste: Es ist eher so, dass andere Leute das Gefühl haben, ich mache ihnen Luft, als dass ich mir selbst Luft verschaffe. Es gibt so Texte, in denen gewisse Zumutungen des Lebens harsch zurückgewiesen werden. Harsch, aber schön formuliert. Das ist ein Teil der Texte, das mache ich nicht kalkuliert, weil ich weiß ja gar nicht, was anderen Leuten Luft verschafft. Das merke ich aber an den Reaktionen immer. Aber die Texte sind ja sehr divers. Die reichen ja von sehr zart bis angemessen grob. Es gibt diese Florett-Lüge in Deutschland, dass Tucholsky immer nur mit dem Florett gefochten hat. Er war einer der Grobschlächtigsten, wenn er wollte. Genau darum geht es. Man macht es dem Gegenstand angemessen. Man geht nicht mit dem Käsemesser zu einer Schießerei. Man schlägt nicht auf einen groben Keil mit einem Silberlöffelchen ein. Das Schöne an der Sprache ist ja, dass sie so unglaublich reich und vielfältig ist und für jeden Sachverhalt die richtigen Worte hat, wenn man sie den findet. Gibt es denn Themen, bei denen Ihnen der Humor vergeht? Wenn zum Beispiel Borussia Dortmund absteigen würde? Droste: Sie sagten gerade: "Wenn Borussia Dortmund absteigen würde." Weil ich auch ein Mal nach "wenn" "würde" gesagt habe, hat mich Harry Rowohlt ins Gebet genommen und zu mir gesagt: "Wiglaf, nach ‚wenn' nie ‚würde'. Außer in: ‚Wenn Würde töten könnte.' Das habe ich mir für immer gemerkt. Wenn Dortmund also abstiege... Droste: Das wäre fürchterlich traurig. Ich habe mich aber in den vergangenen zehn Jahren daran gewöhnt, dass es große Leidensfähigkeit erfordert, Dortmund-Anhänger zu sein. Ich habe meinen Verein 1:3 zu Hause gegen Unterhaching verlieren sehen. Grauenhaft. Ich habe die Mannschaft aber auch das tun sehen, weshalb ich in ein Fußballstadion gehe. Es gibt diese magischen Momente, in denen das ganze Glück der Welt in einem Augenblick zusammengefasst ist. Sie haben eben Tucholsky erwähnt. Halten Sie es auch mit ihm, dass Satire alles darf? Droste: Es gibt so unterschiedliche Definitionen, was Satire tatsächlich oder angeblich sei, dass man diese Definition erst mal neu leisten muss, bevor man "Nein" oder "Ja" sagt auf die Frage, ob Satire alles dürfe. Satire ist nicht unernst. Satire ist nicht: "Ich habe es nicht so gemeint, war doch alles nur lustig." Satire ist, denke ich, eine komische und deswegen unglaublich ernste Angelegenheit. Sie hat mit der Fähigkeit zu tun, Sachverhalte zuzuspitzen. So, dass sie in ihrem Kern, in ihrer Wahrhaftigkeit zu erkennen sind. Das ist eine manchmal übertriebene, in jedem Fall aber sprachlich zugefeilte Art, die Welt darzustellen, so wie sie wirklich ist. Dazu ist der Satiriker da. Das Gespräch führte unser Mitarbeiter Christian Jöricke.