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Schauspieler Moritz Bleibtreu über die Nazi-Tragikomödie "Mein bester Feind"

Schauspieler Moritz Bleibtreu über die Nazi-Tragikomödie "Mein bester Feind"

Der Kinofilm "Mein bester Feind" ist seit 1. September in den deutschen Kinos zu sehen. Die Tragikomödie versucht, dem tragischen Schicksal einer jüdischen Familie in der Nazi-Zeit eine komische Seite abzugewinnen. Über diese Gratwanderung hat sich unser Mitarbeiter Martin Schwickert hat sich mit Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu unterhalten.

Berlin. "Mein bester Feind" schildert die verzwickte Geschichte zweier bester Freunde - der eine, Victor Kaufmann (Moritz Bleibtreu), Sohn eines jüdischen Galeriebesitzers in Wien, der andere, Rudi Schmekal (Georg Friedrich), Sohn der Haushälterin der Familie. Moritz Bleibtreu spricht über den Film und das deutsche Kino:
In "Mein bester Feind" spielen Sie einen Juden, der in eine SS-Uniform schlüpft - war dies das ideale Gegengift zu Ihrer Rolle als Joseph Goebbels in "Jud Süß"?
Moritz Bleibtreu: Nein, das ist einfach nur ein riesengroßer Zufall, wenn einmal zwei Geschichten auf dem Tisch liegen, die sich ähneln. Diesen Film habe ich hauptsächlich gemacht, weil der Film einen besonderen Umgang mit Humor hat. Heute verliert die Komödie im Kino immer mehr an Gesicht.
Ich liebe Komödien, aber ich mag keinen Klamauk. Ich bin ein großer Fan der klassischen Comedies aus den 1940er Jahren. Was die Komödien etwa von Billy Wilder ausgezeichnet hat, war ja gerade, dass sie immer auch auf einem wahnsinnig dramatischen Boden standen.

Wäre eine Komödie wie "Mein bester Feind" vor zwanzig Jahren in Deutschland möglich gewesen?
Bleibtreu: Aus Deutschland heraus hätte dieser Film auch heute nicht stattgefunden.

Sind die Österreicher da mutiger?
Bleibtreu: Nein. Was wir in Deutschland Vergangenheitsbewältigung nennen - da ist Österreich weit entfernt davon. Die Österreicher haben es geschafft, die Verantwortung zu umschiffen und so zu tun, als wären sie damals überrannt worden. Deshalb hat man dort eine größere Freiheit im humoristischen Umgang mit dem Thema.

Woher kommt Ihre Vorliebe für Filme, die in dieser Zeit angesiedelt sind?
Bleibtreu: Ich bin Deutscher, lebe in Deutschland und versuche, hier Filme zu machen - da bin ich tagtäglich mit den Überbleibseln aus dieser Zeit und der nicht zusammengewachsenen Identität konfrontiert.
Wir sind ja immer noch nicht an dem Punkt, an dem wir eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit unserem Deutschsein entwickelt haben. Wir haben immer noch Schwierigkeiten, an den Kern dessen, was uns als Deutsche ausmacht, heranzukommen. Da ist Filmmachen natürlich ein Supermittel. Denn Film ist Identifikation. Identifikation setzt voraus, dass man sein Herz öffnet und auch über seine eigene Identität nachdenkt.

Hat diese Verunsicherung der nationalen Identität nicht auch positive Effekte gehabt?
Bleibtreu: Sicherlich. Wir haben so gründlich wie kein anderes Volk über den Sinn und Zweck von Patriotismus nachgedacht. Das hat uns einen riesengroßen intellektuellen Vorteil gebracht, aber die emotionale Ebene ist dabei auf der Strecke geblieben. Man hat meiner Generation eingebläut, alles zu hinterfragen, bescheiden zu bleiben und sich nicht zu sehr zu freuen. Schließlich kann man ja nicht herumgehen und sagen, man sei der Größte, wenn die Welt denkt, man sei ein Faschist.
Das ist ja auch richtig so. Aber man braucht auch Platz zum Atmen. Man muss dem auch etwas entgegensetzen können, woran wir uns erfreuen können. Wenn wir das nicht wieder finden, dann werden wir uns auch in fünfzehn Jahren nicht über deutsche Filme, sondern höchstens über Fußball freuen können.

Die eigenen Filme schlecht zu machen, ist also auch eine typisch deutsche Eigenschaft?
Bleibtreu: In Deutschland muss immer alles stimmen. Erst wenn alles stimmt, ist ein Film gut. Und das ist eine Haltung, die wir am wenigsten gebrauchen können, weil kein Film nur gut oder nur schlecht ist. In den USA redet man über Erfolge und nicht über Flops. Bei uns ist das genau anders herum. Man feiert die Flops und packt sie auf die erste Seite und das, was erfolgreich ist, tut man ab.

"Jud Süß" wurde bei der Berlinale zerrissen und "Mein bester Feind" ein Jahr später sehr freundlich aufgenommen - woran liegt das?
Bleibtreu: Ich war vollkommen überrascht, wie wohlwollend "Mein bester Feind" aufgenommen wurde. Aber so ist das: Wenn man dem Zuschauer klar definiert, was er zu empfinden hat, funktioniert es.
Das Spannende an "Jud Süß" war ja, dass er von seinem Publikum verlangt hat, selbst herauszufinden, ob das nun eine Komödie oder ein Drama ist, und der Film hat letztendlich genau das provoziert, worum es geht: So wie damals alle "Heil" geschrien haben, ohne nachzudenken, haben bei "Jud Süß" alle "Buh" geschrien ohne nachzudenken. "Mein bester Feind" hingegen definiert sich ganz klar als Komödie, und auf einmal wird das dünne Eis, auf dem dieser Film genauso steht wie "Jud Süß", begehbar.

Was erwarten Sie vom deutschen Kino?
Bleibtreu: Ich wünsche mir mehr Mut von den Filmemachern genau so wie von den Zuschauern. Aber Mut als Filmemacher kann man nur haben, wenn man weiß, dass die da draußen, für die ich das mache, mir nichts Böses wollen. Wenn ich aber weiß, dass mir der Kopf abgehackt wird, wenn ich mich aus dem Fenster lehne, dann kann ich nicht mutig sein.

Glauben Sie, dass Sie persönlich als Schauspieler gemocht werden?
Bleibtreu: Genau weiß man das nie, aber im alltäglichen Leben schlägt mir auf jeden Fall mehr Sympathie als Ablehnung entgegen. Auch wenn jeder Mensch das Recht hat, mich scheiße zu finden, könnte ich das eigentlich nicht nachvollziehen.
Schließlich habe ich ja keinem etwas getan.