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(Schein-)Heilige auf Toast

(Schein-)Heilige auf Toast

Kunst trifft Toast: Bei der "Reliquie"-Ausstellung in der Trierer Tuchfabrik sorgen das Papst-Porträt oder die Abendmahl-Szene auf Brot für Diskussionen. Geschaffen hat sie Zeichner und Karikaturist Jörg Baltes. Er hat lange in Trier gelebt.

Trier. Ein Schmunzeln lässt sich bei diesem Anblick nicht verkneifen: Da steht ein Einmachglas, gefüllt mit auf Toast gemaltem Jesus-Antlitz, verschlossen mit Bauschaum und beschriftet mit dem Titel "Ein gemachter Gott". Das spricht für sich, genauso wie das dahinter hängende, auf Toast gebannte Porträt Papst Benedikts, der statt Mitra ein Kondom auf dem Kopf trägt.
Der Urheber dieser Kunstwerke, der 1957 in Völklingen geborene Jörg Baltes, beobachtet nicht erst seit seiner Einladung zur Trierer Reliquie-Ausstellung die christliche Religion und besonders die katholische Kirche kritisch. Als mit einer satirischen Ader ausgestatteter Zeichenkünstler habe er schon in den 1970er Jahren begonnen, die Tabuzonen der katholischen Kirche auszuleuchten, erzählt er. Damals hat der Autodidakt, der unter anderem als Karikaturist für die Trierer Zeitung Katz erfolgreich war, Jesus-Cartoons gezeichnet.
Das war nicht nur seiner "Tuchfühlung mit dem Heiligen Rock" geschuldet, mit der er seit 1978 in Trier lebte. Es war vor allem Folge seiner katholischen Erziehung im Saarland. Er sei dort, auch handgreiflich, mit allen "Weihwassern gewaschen" worden, habe Frömmelei als andere Form der Schauspielerei kennengelernt und in der "Melange aus Weihrauch und heimischer Bigotterie" den Wunsch entwickelt, wenn nicht Pastor, so wenigstens Jesus-Inkarnation zu werden. Doch erst mit Ende 40 habe er sich wirklich einen eigenen Reim auf das Erlebte und Erlittene gemacht: "Heute habe ich damit nichts mehr am Hut."
Seither röstet er nun (Schein)-Heilige auf Toastbrot. Eine Idee, die 2004 die Internetauktion eines Käsetoasts mit angeblich darauf erschienenem Marienporträt freisetzte.
Baltes nutzt außer der satirischen Ader auch sein Wissen um Bildtraditionen. Und so entstehen Werke wie "Toast und immer wieder Toast", eine an Leonardo da Vincis Abendmahl angelehnte Szene auf Toastbrot. Doch auch zeichnerisch spielt er mit der Tradition. So zeigt die "Reliquie"-Ausstellung historisch anmutende, auf belichtete Röntgenfolie geritzte Skizzen. Darunter ein Porträt Papst Benedikts als lebender Toter, das sich an klassischen Vanitasdarstellungen orientiert. Allerdings setzen die an Peniseicheln erinnernden Kernspinaufnahmen auf der Folie einen provozierenden Akzent. "Mir geht es darum, im Kitsch des Kindchen-Glaubens zu neuen Ausdrucksformen zu finden", sagt Baltes dazu. ae
Extra

Heute, 19 Uhr: Die Tufa rockt unter anderem mit Frank Rohles & RoxxBusters. Freitag, 18. Mai, 19.30 Uhr: Zweite Vernissage und Szeneparty mit Laurent Steinmayer & friends: Nahtlos - graffity is my religion. Mittwoch, 23. Mai, 19.30 Uhr: Interaktive Performance mit Klaus Maßem: "I have, you dont". Samstag, 26. Mai, 20 Uhr: Menschenhund: "Seht ins Licht, ihr Hunde!" - ein fundamentalistischer Predigerblues. Mittwoch, 30. Mai, 20 Uhr: Lesung Ralf König "Gottes Werk & Königs Beitrag". Sonntag, 3. Juni, 19 Uhr: Kunstsalon "Reliquie" im Stadtmuseum Simeonstift. Samstag, 10. Juni, 19 Uhr: Chawwerusch-Theater zeigt "Nicht der wahre Jakob, eine Pilgerreise ins Irgendwo". Donnerstag, 14. Juni, 20 Uhr: Der Heilige Rock kehrt heim: Vortrag mit Alois Peitz und anschließende Lesung. Samstag, 16. Juni, 20 Uhr: Podiumsdiskussion zum Thema Kulturförderung in Trier und Rheinland-Pfalz. Sonntag, 17. Juni, 11 Uhr: Trageprozession durch die Trierer Innenstadt, Start an der Porta Nigra; 14 Uhr: Finissage der Ausstellung. Immer donnerstags (17., 24., und 31. Mai): "Wachsende Performance" von Pia Müller in sieben Akten. Führungen für Erwachsene am 20. Mai und 5. Juni jeweils 18 Uhr und auf Anfrage, für Schulen bis 8. Juni jeweils 9 bis 12 Uhr auf Anfrage. red