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"Schimanski hätte ich wieder heimgeschickt"

"Schimanski hätte ich wieder heimgeschickt"

Josef Wilfling hat 22 Jahre bei der Münchener Mordkommission gearbeitet. Über einige seiner teils spektakulären Fälle berichtete er bei Tatort Eifel in Hillesheim. Dabei überraschte er die Zuhörer auch mit vielen kaum bekannten Fakten.

Hillesheim. "Das Böse fasziniert die Menschen, solange es Fiktion ist. Aber wenn Gewalt oder Mord in der näheren Umgebung passieren, kommt die Angst", erklärt einer, der es wissen muss: der ehemalige Leiter der Mordkommission der bayerischen Landeshauptstadt, Josef Wilfling. Dazu betont der Experte aus München, dass er selbst gerne Krimis liest, dass Morde überall passieren können. Einer der grausamsten Morde der Kriminalgeschichte, der Mädchenmord von Greiling, bei dem ein Postbote aus Habgier seine zwei Nichten umgebracht hat, indem er sie erst erschlagen, dann erstochen und schließlich stranguliert hat, ist im oberbayerischen Landkreis Bad Tölz geschehen.
"Paradiesische Zustände"


In seinen 22 Jahren bei der Mordkommission, die er sieben Jahre leitete, gab es im Durchschnitt 16 Morde und 40 Mordversuche pro Jahr. "Gegenüber anderen Ländern sind das fast paradiesische Zustände", erklärt er. "Würde man die Mordrate einiger Länder Südamerikas auf Deutschland umrechnen, würde es hier im Jahr 70 000 Morde geben", so Wilfling weiter.
Dass die Zahl der Morde in den vergangenen 20 Jahren zurückgegangen ist, kommt, so der ehemalige Kommissar, unter anderem durch die DNA-Analysen. "Der Mörder wägt sein Risiko ab, und das ist höher geworden."
Zur Statistik ergänzt er, dass auf einen Mord ein unentdeckter kommt. Was seiner Meinung nach an den Leichenschaugesetzen liegt, bei denen er aber kaum Chancen auf Veränderungen sieht. Wünschen würde er sich für den Schutz der Kinder, jede Woche werden in Deutschland drei umgebracht, dass ein Gewaltschutzgesetz erlassen würde. "Aber Kinder haben genauso wie Senioren und Tote keine Lobby", meint er mit etwas Resignation in der Stimme.
Zum Mörder wird man, so seine Erfahrung, nicht weil man auf die schiefe Bahn geraten ist oder eine schwere Kindheit hatte, sondern anlassbezogen, beispielsweise aus Angst, verlassen zu werden oder aus Existenzangst.
Gemordet wird am häufigsten mit dem Messer, gefolgt vom Erwürgen, Erdrosseln und Erschlagen. "Gift ist ganz außer Mode, da kann man alles nachweisen, und die meisten sind mit intensiven Geschmacks- oder Geruchsstoffen versetzt, so dass man sie nicht mehr einfach unter die Suppe mischen kann, ohne dass der andere es merkt", weiß Josef Wilfling.
Stabiles soziales Umfeld


Die 50 Besucher hörten ihm zwei Stunden lang gebannt zu und wollten schließlich von ihm wissen, wie man mit den grausamen Verbrechen und den Bildern von den Tatorten umgeht.
Dazu meinte er, dass man im Team darüber reden muss, Supervisionsangebote wahrnimmt und ein stabiles soziales Umfeld braucht. "Schimanski wäre bei uns keinen Tag im Dienst gewesen, den hätte ich gleich wieder heimgeschickt", erklärt er lachend.
Seine Haltung zu den Menschen hat sich kaum verändert in den Jahren bei der Mordkommission. "Realistischer und ernüchterter bin ich geworden, aber man muss auch sehen, dass bei jedem Verbrechen gleich Leute zur Stelle sind, die helfen und mitanpacken. Es gibt aus meiner Sicht immer noch mehr gute als schlechte Menschen."Extra

Josef Wilfling trat 1966 in den mittleren Dienst bei der Polizei ein. Zunächst machte er Bereitschaftsdienst, dann wurde er Zivilfahnder und ab 1983 Kriminalkommissar. Er wirkte unter anderem an der Aufklärung der Morde an den Münchener Prominenten Walter Sedlmayr und Rudolph Moshammer mit. Seit 2009 ist er im Ruhestand und hat zwei Bücher geschrieben: "Abgründe - Wenn aus Menschen Mörder" werden erschien 2011. Ein Jahr später veröffentlichte er "Unheil, warum jeder zum Mörder werden kann". Chb