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"Schlampenfieber" gegen Eisheilige

TRIER. Gelungener Auftakt der Open-Air-Saison im Amphitheater. Rund 2800 Fans feierten das Pop-Duo Rosenstolz und seine siebenköpfige Band. Veranstalter Ingo Popp fand's der Temperaturen wegen weniger erfreulich. Von unserem Redakteur <br>ROLAND MORGEN

Die Soundprobe zieht sich in die Länge. Vor dem ersten Freiluft-Konzert 2004 und nach neunmonatiger Tour-Pause wollen Peter Plate und Anna R. alias Anna Rosenbaum nichts dem Zufall überlassen. Noch weit nach 18 Uhr wird die Beschallung ausbalanciert. Immer wieder intonieren Frau Rosenbaum und Begleitsängerin Anne de Wolff das Lied vom Auftakeln vor dem Nahkampf. "Schlampenfieber" heißt der Klassiker im Rosenstolz-Programm. Unentbehrlich, unvermeidlich und seit 1992 jedes Jahr in einer neuen Version. Diesmal klingt's nach progressivem Schlager mit superben Vokalharmonien. Die Wartenden vor dem Amphitheater freuen sich über den Appetithappen. Verstörte Blicke bei Spaziergängern auf dem Petrisberg und im Altbachtal. Schlampen? Das kann ja heiter werden. Wird's auch. Zwei Stunden später zeigen Rosenstolz, dass sie zum Allerbesten gehören, was Pop-Deutschland derzeit zu bieten hat. "Ich hab' im Hotelzimmer gebetet, dass das Wetter hält", verkündet die männliche Duo-Hälfte Peter Plate (37). Das Wetter hat gehalten, die Temperatur purzelt in den einstelligen Grad-Bereich. Fehlte nur noch der Glühweinstand. Da macht man sich eben warme Gedanken, und die Band hilft kräftig beim fröhlichen Eisheiligen-Austreiben. AnNa R. (34) im Ultrakurz-Mini bietet wie immer auch was für's Auge, Peter Plates gegen Konzertende freier Oberkörper entzückt längst nicht nur die Damen. Rosenstolz ist eine etwas andere Band. Hechelt keinem Trend nach und lässt sich auch sonst in keine Schublade stecken. Die Berliner ernten heute die Früchte beharrlicher Arbeit. Das aktuelle Album "Herz" ist ihr bislang erfolgreich-stes. Gut ein Drittel der Live-Stücke stammt von der Nummer-1-CD: "Das gelbe Monster", "Willkommen", "Eine Frage des Lichts". Mehr als zwei Stunden lang hagelt es Hymnen für Liebende, Hoffende, Zweifelnde, Verlassene, Verlassende und andere: Großer Jubel bei "Die Schlampen sind müde" und "Schlampenfieber", noch größerer bei der Gänsehaut-Version von "Liebe ist alles". Rosenstolz kann es sich auch leisten, nach Hochtempo-Nummern wieder zurückzuschalten, um "im verborgenen Schatzkästchen nach uralten Balladen zu kramen und in der hinterletzten Ecke" (AnNa R.) fündig zu werden: "Wenn Du aufwachst" heißt der Titel von 1992. Rosenstolz scherzen und freuen sich mit dem außerordentlich netten Publikum. Nur einmal wird Plate ganz ernsthaft: "Wir brauchen Geld im Kampf gegen HIV", sagt er und schickt fünf Spendendosen auf die Reise durch das Arena-Oval. Alles in allem ein gelungener Auftakt für die vom Trierischen Volksfreund präsentierte Open-Air-Saison 2004 im Amphitheater. Nur Veranstalter Ingo Popp mochte sich der kollektiven Freude nicht anschließen: "Zehn Grad mehr, dann wären 200 Leute mehr gekommen." Und auch er auf seine Kosten. Bilder zum Konzert in unseren Clickme-Galerien