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Schlappe für Sibelius und die Stadt

Da waren sie noch vereint: Intendant Karl Sibelius (vorne Mitte) vor einem Jahr mit seiner Führungsmannschaft. Inzwischen haben viele das Theater verlassen, darunter der gekündigte Ulf Frötzschner (hinten). TV-Foto: Archiv
Da waren sie noch vereint: Intendant Karl Sibelius (vorne Mitte) vor einem Jahr mit seiner Führungsmannschaft. Inzwischen haben viele das Theater verlassen, darunter der gekündigte Ulf Frötzschner (hinten). TV-Foto: Archiv FOTO: Friedemann Vetter (ClickMe)
Trier. Das Trierer Theater hätte Schauspielchef Ulf Frötzschner nicht fristlos entlassen dürfen. Diese Ansicht vertritt das Bühnenschiedsgericht Frankfurt. Ob Frötzschner seine Arbeit wieder aufnehmen darf oder 112 000 Euro Abfindung erhält, entscheidet sich in zwei Wochen. Katharina de Mos

Trier. Nichts lässt auf seiner Facebookseite erkennen, was passiert ist. Voller Vorfreude kündigt er Premieren an, postet Porträts von Schauspielern und liefert in stimmungsvollen Bildcollagen eine Rückschau auf die vergangene Spielzeit, in der er als Schauspielchef am Theater Trier mit Produktionen wie dem "Zauberberg" Erfolge feierte.
Nichts lässt erahnen, dass Ulf Frötzschner nach dem Eklat um das geplante Stück "Die rote Wand", dessen Ausgangspunkt der Tod von Tanja Gräff sein sollte, vor Monaten fristlos gekündigt wurde (der TV berichtete). Frötzschner hatte bei einer Pressekonferenz gesagt, die Mutter Gräffs sei involviert. Später zeigte sich, dass er sie zwar per E-Mail über die Inszenierung informiert, nicht jedoch überprüft hatte, ob sie einverstanden ist. Die Stadt nahm das zum Anlass, ihn rauszuwerfen.
Frötzschner hofft nun, ans Theater zurückzukehren. Und zwar mit dem Rückenwind des Bühnenschiedsgerichts in Frankfurt am Main, das am Dienstag über seine Klage verhandelt hat. Dieses will sich vor dem 14. September - dann endet die Widerrufsfrist - nicht äußern. Doch geben die Beteiligten Auskunft darüber, was besprochen wurde.
Demnach hat Frötzschner die volle Rückendeckung des Gerichts. "Das fünfköpfige Gremium hat einstimmig festgestellt, dass die Kündigung unrechtmäßig war", sagt Frötzschner, der sich über die Art ärgert, wie Intendant Karl Sibelius mit ihm umgegangen ist. Sein Vorschlag lautet: Er kehrt ab September als Schauspielchef zurück, bekommt dafür sein normales Gehalt in Höhe von 4000 Euro brutto im Monat beziehungsweise 48 000 Euro im Jahr und verlässt das Theater in der darauffolgenden Spielzeit. Ein Vorschlag, dem das Gericht einstimmig stattgegeben hat. Dies berichtet das Opus Kulturmagazin aus der Sitzung in Frankfurt. Denn der Frötzschner vorgeworfene Vertrauensbruch sei nicht nachzuweisen. "Mein Angebot finde ich für alle Beteiligten gut - für die Stadt und für die Bürger. Es ist doch nicht schön, wenn ich fürs Nicht-Arbeiten bezahlt werde", sagt Frötzschner.
Denn genau das will die Gegenseite. Für Intendanten Karl Sibelius ist das Angebot inakzeptabel. "Wir können uns eine Zusammenarbeit nicht mehr vorstellen", sagt Sibelius. Das Vertrauen sei zerbrochen. Daher machte der Intendant folgenden Gegenvorschlag: Als Abfindung für seinen Fünf-Jahres-Vertrag soll der ehemalige Spartenchef 100 000 Euro Abfindung erhalten, plus 12 000 Euro für die Monate, in denen er kein Gehalt bekommen hat. Die Kosten des Verfahrens sowie die Anwaltskosten des Klägers muss die Stadt tragen.
Alleine entscheiden kann Sibelius das allerdings nicht. Kulturdezernent Thomas Egger will mit dem Oberbürgermeister beraten, ob das für Trier in Frage kommt. "Angesichts der Situation im Vorfeld war ich überrascht, dass das Gericht auf einen Vergleich pocht", sagt Egger. Sollte keine Einigung möglich sein, kommt es zu einer Gerichtsverhandlung.Extra

Die Trierer SPD-Stadtratsfraktion kritisiert die jüngst vom Bund der Steuerzahler vorgetragene Kritik, das Theater in Trier sei "purer Luxus". Dazu erklärt Markus Nöhl, kulturpolitischer Sprecher: "Die Region Trier braucht das Theater. Kultur ist Ausdruck des Menschseins und somit unerlässlich." Eine Stadt wie Trier, die einen Großteil ihrer Attraktivität durch ihr kulturelles Erbe und ihr Kulturleben gewinne, sei nicht denkbar ohne Theater. Konsequenzen seien getroffen worden, um das finanzielle Controlling im Theater und Kulturdezernat zu stärken. "Weiterhin müssen wir daran arbeiten, das Drei-Sparten-Ensemble-Theater für Trier finanzierbar zu halten". Auch Land und Bund seien in der Verantwortung. Die AfD ist ganz anderer Ansicht. "Das Theater nutzen nur zehn Prozent der Bürger, es verschlingt jedoch mehr als 40 Prozent des freiwilligen Haushalts der Stadt. Gleichzeitig spricht Intendant Sibelius von Unterfinanzierung. Im Interesse des Gemeinwohls kann das kaum sein!", sagt der stellvertretende Kreisvorsitzende der AfD, Mario Hau. Er fordert, Sparten zu schließen und Personal zu reduzieren. Die Landtags-AfD fordert, den Vertrag mit Sibelius aufzulösen. Er habe dem Theater geschadet. Joachim Paul, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, findet die Rüge des Steuerzahlerbundes angebracht. Mos