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Vinyl der Woche: A Horse With No Name – America: Schlimm, wie Neil Young zu klingen

Vinyl der Woche: A Horse With No Name – America : Schlimm, wie Neil Young zu klingen

Vor 50 Jahren sah sich Dewey Bunnell mit dem Vorwurf konfrontiert, ein Abklatsch von Neil Young zu sein. Das reichte um diesen mit A Horse With No Name von der Chartspitze zu verdrängen.

Das hier war nicht geplant, versprochen. Zur Erklärung: Wer denkt, ich hätte eine Liste mit Kolumnen-Themen auf meinem Home-Office-Schreibtisch liegen und sei ein strukturierter Mensch ... naja, der ist so schief gewickelt wie die Windel nach dem ersten Versuch eines jungen Vaters. Meist überlege ich mir zum Wochenstart, mit welchem Album ich Sie verzücke oder verärgere. So auch diesmal – und dass da dann eine Parallele zwischen letztwöchigen Kolumne und dieser hier aufkommt ... eieiei, das konnte keiner ahnen.

Aber: Es gibt sie. Denn – Sie wissen das, immerhin sind sie treuer Leser unserer vinyl‘schen Reise – vergangene Woche schrieb ich über Heart of Gold von Neil Young (den ich fälschlicherweise ein Mal „Paul“ genannt habe ... die aktuelle Zeit macht einen durcheinander). Und jetzt schreibe ich über America, deren Sänger Dewey Bunnell sich vor genau 50 Jahren mit dem Vorwurf konfrontiert sah, Neil Young zu imitieren. Hat er nicht, sagt er, obwohl gerade bei A Horse With No Name Ähnlichkeiten zu erkennen sind. Umso spannender – und hier haben wir die Verbindung –, dass dieser Song vor 50 Jahren Heart of Gold von Platz eins der US-Charts verdrängte.

Wir müssen Dewey Bunnell zwei Dinge zugutehalten: Wenn jemand erfolgreich ist, dann werden oftmals alle anderen mit ihm verglichen. Das ist wie beim Fußball: Wie viele „neue Messis“ hatten wir schon? Wir haben immer noch den alten, auch wenn er langsam schwächelt (Schluss jetzt, wir sind nicht im Sportteil!). Dass also America mit dem damals erfolgreichen Neil Young verglichen wird, ist nicht deren Schuld. Ebenso wenig, wie es Dewey Bunnells Schuld ist, dass er nun mal so klingt wie Paul ... äh ... Neil Young.

Also war es für Bunnell zeitweise sogar eher eine Last, wie er 1973 in einem Interview erklärte: „Ich versuche, eine andere Stimme zu benutzen, damit ich nicht als Abklatsch gebrandmarkt werde. Aber es ist so lästig, nicht wie jemand zu klingen, wenn man gar nicht anders kann.“

Es muss schlimm sein, so zu klingen wie einer der erfolgreichsten Musiker dieser Zeit. Aber: Dave Bunnell ist natürlich mehr als Young-Kopie. Als er 19 ist, schreibt er A Horse With No Name – und wird missverstanden. Denn der Song handelt nicht von Drogen, wie viele behaupten. Es geht schlichtweg um die Dinge, die Bunnell erlebte, als er die USA besuchte.

Warum das Pferd, das Bunnell als Mittel sieht um an einen ruhigen Ort zu gelangen, keinen Namen hat, das konnte er nie jemandem erklären. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass das Pferd nach neun Tagen freigelassen würde. Es ist, vermute ich, wie oft in der Musik: Der Hörer interpretiert hier mehr rein, als der Sänger sagen wollte. Es klang  vermutlich einfach gut – und dagegen ist ja nichts einzuwenden.

Das hier wird jetzt nicht zur Gewohnheit, versprochen. Ich werde mich jetzt nicht von Platte zu Platte hangeln. Schluss jetzt, wir sind ja weder Tarzan noch eine Netflix-Serie!