1. Region
  2. Kultur

Schreiben in Zeiten der Krise: Tom Hillenbrand und Arno Strobel sprechen über ihre Arbeit

Bücher : „Ein Buch ist ein Grundnahrungsmittel“

Schreiben in Zeiten der Krise: Die Bestsellerautoren Tom Hillenbrand und Arno Strobel, die einen besonderen Bezug zur Region haben, sprechen über ihre Arbeit

Verbrechen und Dystopie. Nervenkitzel und Spannung. Die der Region verbundenen Bestsellerautoren Tom Hillenbrand und Arno Strobel wissen, was eine packende Story braucht. Aber die Realität schreibt gerade ihre eigene Geschichte. Wie verändert SARS-CoV-2 den Alltag und die Arbeit der Autoren? Schreibt das Virus jetzt Bücher um?

Eine Recherchereise in die USA hat gerade noch geklappt. Dann kam der Lockdown, und die Lesereise für Tom Hillenbrands jüngsten Science-Fiction-Thriller „Qube“, der im Februar erst auf den Markt gekommen ist, wurde unterbrochen. „Die Zahl der Menschen, die lesen, nimmt ja tendenziell ab“, sagt der Autor, der in der Region allein wegen seiner in Luxemburg angesiedelten kulinarischen Krimireihe viele Fans hat. Aber er denkt, dass vielleicht einige gerade jetzt zu Hause wieder ein Buch aus dem Regal nehmen und Bücher eine neue Wertschätzung erfahren. „Ich weiß nicht, ob ich ,Die Pest’ von Camus lesen möchte, aber ein wenig Eskapismus ist gut.“

Hillenbrand spricht von der beruhigenden Wirkung eines Buches am Abend nach einem von beunruhigenden Nachrichten auf vielen Bildschirmen übervollen Tag. Buchhandlungen mussten schließen und sind erst seit kurzem wieder geöffnet. Geht es den Büchern gerade wie Luxusartikeln, zum Beispiel Lippenstiften, die nicht so nachgefragt waren, oder sind sie wie Grundnahrungsmittel? „Ein Buch ist ein Grundnahrungsmittel“, entgegnet Tom Hillenbrand energisch. Einen Lippenstift brauche kein Mensch.

Wie die Flucht aus der Realität mit Fiktion funktioniert, darüber hat auch der in der Nähe von Trier lebende Autor Arno Strobel nachgedacht. Sein letzter Thriller „Offline“ ist im September 2019 erschienen, stand sechs Monate auf der Bestsellerliste, verschwand daraus und tummele sich dort seit einigen Wochen wieder, erzählt er. Das wunderte ihn. Wäre es nicht naheliegender, sich jetzt in eine heilere fiktionale Welt zurückzuziehen als in diesen Horrortrip einer Gruppe von jungen Leuten in einem ehemaligen Bergsteigerhotel in 2000 Metern Höhe ohne Internet? „Ich könnte mir vorstellen, wenn um einen herum Dinge passieren, die einen verunsichern, mit denen man vorher nicht gerechnet hat, flüchtet man sich in eine Fiktion, die einem zeigt, dass es Menschen gibt, denen es noch viel schlimmer geht“, erklärt er sich diese unverhoffte Entwicklung für „Offline“. Feuer mit Gegenfeuer bekämpfen.

Arno Strobel empfindet es als angenehm, dass er wegen abgesagter Veranstaltungen und Termine jetzt mehr Zeit zu Hause zum Schreiben hat. Eigentlich. „Ich habe feststellen müssen, dass es mir nicht so leicht fällt, mich zu konzentrieren“, sagt er. Zwischendurch werde er immer wieder aus der Arbeit gerissen, weil „aufpoppt, was um uns herum gerade passiert. Dieses ungute Gefühl angesichts der Tatsache, dass man überhaupt nicht weiß, was nächste oder in vier Wochen sein wird“.

„Ich habe gerade das Glück, dass ich einen Text, ein Rohmanuskript mit einem Anfang und einem Ende fertig habe, das ich jetzt überarbeite und redigiere“, sagt Tom Hillenbrand. „Aber wenn ich einen neuen Text erschaffen müsste, das würde nicht funktionieren.“ Kreativität brauche Routinen, aber jetzt seien Tagesabläufe gestört. „Irgendjemand hat kürzlich auf Twitter geschrieben, man solle bedenken, dass William Shakespeare in der Londoner Pestquarantäne ,King Lear’ geschrieben hat. Ich weiß nicht, ob er mehrere Kinder hatte, die er währenddessen betreuen musste.“

Schreibt Arno Strobel sein Manuskript, an dem er gerade arbeitet, wegen SARS-CoV-2 um? „Nein“, lautet die Antwort. „Die Krise greife ich aus verschiedenen Gründen nicht auf. Zuerst einmal, weil ich davon ausgehe, dass mindestens schon 20 Kolleginnen und Kollegen an einem Corona-Thriller schreiben. Die Welle von Thrillern, die mit Epidemien, Pandemien oder ähnlichem zu tun haben, wird Anfang oder Mitte nächsten Jahres kommen. Da möchte ich mich nicht einreihen. Zweitens sind alle meine Bücher rein fiktiv. Ich habe für keines irgendwelche real existierenden Szenarien herangezogen. Dem möchte ich treu bleiben.“ Ob er irgendwann einmal, in zwei, drei Jahren, die Pandemie in irgendeiner Weise in einem seiner Bücher erwähne, möchte er nicht ausschließen. Aber er werde sie nicht zum Kernthema machen.

Wird Tom Hillenbrands Figur Xavier Kieffer im nächsten Band seiner Krimireihe in Luxemburg ermitteln können, als habe es die Coronakrise nie gegeben? Krimis seien Fiktion und bildeten nicht die Realität ab. Aber Tom Hillenbrand schließt nicht aus, dass, sollte es plot-relevant werden, Xavier Kieffer etwas damit zu tun bekommen könnte, dessen Ermittlungen sich immer rund um Lebensmittel drehen. „Vielleicht müsste man die Restaurantschließungen einbauen“, spekuliert Tom Hillenbrand. Da der weitere Verlauf der Pandemie unwägbar sei, habe er noch kein Gefühl dafür, was sich davon in seinen Büchern niederschlagen werde. „Das einzige, was ich ganz sicher weiß, ist, dass ich keinen Pandemie-Roman schreiben werde.“

Aber wird die Fantasie von Autoren nicht gerade von einer bis vor kurzem unvorstellbaren Realität überholt? „Wenn man sich überlegt, dass in der Corona-Krise versucht werden soll, mit Apps und Datensammlungen gegenzusteuern, hat man ein wenig das Gefühl, man lebt in einer Dystopie und muss sie nicht mehr erfinden“, sagt Science-Fiction-Fachmann Hillenbrand. Er bedauert Kollegen, die gerade ein Pandemie-Szenario fast fertig geschrieben haben und jetzt leise in ihre Tastatur weinten, weil die Realität viel krasser sei. „Als Science-Fiction-Autor muss man dauernd damit rechnen, dass Sachen, die man vor ein paar Jahren geschrieben hat, ganz anders eintreffen, sie waren ja auch nicht als Prognosen gedacht.“

„Ich könnte mir vorstellen, dass Literatur aufgreift, was vielen Menschen gerade Angst macht“, sagt Thriller-Autor Strobel. Nämlich die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel, was sie unter dem Strich bedeuteten und ob man sicher sein könne, dass das, was jetzt zum Schutz vor Infektionen eingesetzt werden könne, danach auch tatsächlich wieder 100-prozentig zurückgenommen werde. Er denkt dabei auch an den diskutierten Einsatz von Apps. Dass sein Thriller, der am 23. September erscheinen wird, den Titel „Die App“ trägt, sei reiner Zufall. Er habe ihn schon geschrieben, bevor jemand an das neue Coronavirus gedacht habe. „Das ist verrückt.“ Es gehe darin nicht um eine Überwachungs-App, aber er sei gespannt, welche Assoziationen daraus gezogen werden.