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,,Schreiben ist eine Lebensart“

,,Schreiben ist eine Lebensart“

Schriftsteller-Legende Martin Walser liest, erzählt und diskutiert beim Eifel-Literatur-Festival, das vom TV präsentiert wird, im Wittlicher Cusanus-Gymnasium. Rund 500 Zuhörer sind begeistert über seine Ausführungen zum Tagebuch der Jahre 1974 bis 1978.

Immer wieder beeindruckend: Der inzwischen 83-jährige Martin Walser – längst Dauergast beim Eifel-Literatur-Festival – besteigt diesmal das Podium in der Aula des Wittlicher Cusanus-Gymnasiums und trägt äußerst lebhaft, mit ausdrucksstarker Gestik und zumeist recht humorvoll – in der nächsten Dreiviertelstunde am Lesepult stehend – Eintragungen aus dem dritten Band seiner Tagebücher vor. ,,Quer durch“ die Jahre 1974 bis 1978, wie er anfangs erläutert. Dabei kommen ganz persönliche Eintragungen über das eigene Befinden zur Sprache oder auch Bemerkungen über Schriftstellerkollegen (Max Frisch, Günter Grass), Philosophen/Soziologen wie Jürgen Habermas und den damaligen Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld.

Großen Raum nimmt dann der Anfang der Auseinandersetzung mit FAZ-Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ein. Von dessen Kritik an Walsers 1976 erschienenem Roman ,,Jenseits der Liebe“ ist der Schriftsteller vom Bodensee noch heute schwer getroffen. In verteilten Rollen mit Festivalchef Josef Zierden, der den Verriss in der FAZ (Überschrift ,,Jenseits der Literatur“) vorträgt, gibt Walser die Ursprünge der Dauerfehde mit RR, wie er ihn nennt, ausführlich wieder. Dass RR zwei Jahre später die Walser-Novelle ,,Ein fliehendes Pferd“ quasi über den grünen Klee lobt und sich die Qualität des fremden Textes auf die eigene Fahne schreibt, wertet Walser als RRs ,,Selbstverblendung, gegen die es keine Scheinwerfer“ gebe.

Der zweite Teil des Abends besteht aus einem von Zierden moderierten Gespräch mit dem Autor. Dabei werden Themen wie die Bedeutung der Literaturkritik allgemein, mögliche Streichungen der alten Tagebucheinträge et cetera angesprochen. Dazu Martin Walser: ,,Wenn Sie wirklich meinen, dass ich die Eintragungen zu RR nachträglich streichen würde, säße ich jetzt hier am falschen Tisch.“ Dann merkt der Schriftsteller an, seine Frau habe auf seine Bemerkung, die FAZ wolle die Novelle ,,Ein fliehendes Pferd“ vorab drucken, geantwortet: ,,Jetzt müsste man Charakter haben“. Dazu Walser: ,,Oder eben das richtige Bankkonto“.

Auf seine schriftstellerisch tätigen Töchter angesprochen, erklärt der Autor, dass ihn das freue, er aber auch mit dem Beruf ,,Zahnarzt“ hätte leben können. Auf die Frage, ob er beim Tagebuchschreiben an die Publikation denke, antwortet er: ,,Schreiben ist eine Lebensart. Das geht ohne späteres Veröffentlichen.“ eg/dr <karo_sw>Nächster Gast des Eifel-Literatur-Festivals ist Fritz Pleitgen am Samstag, 22. Mai, 20 Uhr, in der Kulturscheune in Welschbillig. Karten gibt es in den TV-Service-Centern Trier, Bitburg und Wittlich.

Weitere Infos unter www.eifel-literatur-festival.de