Schriftsteller Gerbrand Bakker: „Ich suche kein Glück, sondern Zufriedenheit“

Schriftsteller Gerbrand Bakker: „Ich suche kein Glück, sondern Zufriedenheit“

Der niederländische Autor hat in der Eifel sein Zuhause gefunden – und die Gegend samt seiner neuen Nachbarn gleich zum Gegenstand eines neuen Werks gemacht.

Foto: Verlag suhrkamp

Kann man in der Eifel ohne Auto leben? Nicht in Bitburg oder Prüm, sondern dazwischen, außerhalb eines 300-Seelen-Dorfes? Und trotzdem nicht aussteigen aus der Gesellschaft, sondern als international präsenter Schriftsteller arbeiten? Der niederländische Schriftsteller Gerbrand Bakker macht das und hat ein offenherziges Buch geschrieben über sein Ankommen in der Eifel, einen eigenwilligen Hund und seine Depression.
Fast zeitgleich mit dem TV-Besuch hält der rollende Kaufladen vor dem Haus. Hier im Schwarzbachtal, Nimshuscheider Mühle, stehen nur wenige Häuser. Gerbrand Bakker ist erstmal der einzige Kunde, deckt sich mit Haushaltswaren ein. Dafür müsste der 54-Jährige sonst acht Kilometer nach Schönecken radeln und dann noch zurück. "Wenn Besucher mit dem Auto kommen", erzählt er, "nutze ich die Gelegenheit, mich mit ein paar Kästen Bier und vielen Flaschen Wein einzudecken. Ich backe mein eigenes Brot, esse Mangold, Zuckerhut und Stangenbohnen aus dem Garten". Einen Führerschein hat er nicht. Wie das geht, sich in der Natur selbst zu versorgen, musste Bakker nicht erst lernen, als er das Haus am Rande des Dorfs Nimshuscheid (Eifelkreis Bitburg-Prüm) vor vier Jahren kaufte. Der Bauernsohn ist gelernter Gärtner, der von Amsterdam gerne zurück aufs Land ziehen wollte (nur nicht an den Ort seiner Kindheit). Mit dem Preisgeld des hochdotierten "Impac Dublin Literary Award" für sein bekanntestes Werk, den Roman "Oben ist es still", hat er sich diesen Wunsch erfüllt - beeindruckt von den unschlagbar günstigen Preisen der Eifel-Häuser, die viele Niederländer in die Gegend locken. Hier, in dieser "kleinen, behüteten, übersichtlichen Welt", wollte er Ruhe finden zum Schreiben, und er wollte die Depression ergründen, die ihn seit der Kindheit immer wieder heimsucht. Mit dabei: Jasper, sein Hund und Gefährte.

Aus diesem Prozess ist erst ein Blog, dann eine Kolumnenreihe und nun ein Buch geworden. Das Cover lässt einen Roman vermuten, aber es ist ein Tagebuch über das Jahr 2015, das seine ganze Biografie und auch freimütig das neue Leben in der Eifel reflektiert. In ihm kommt Privatestes ebenso zur Sprache wie die Banalitäten des Alltags, vom Nachbarschaftsklatsch bis hin zu existenziellen Bekenntnissen.

Auf seiner biografischen Spurensuche fallen Bakker bestürzende Erlebnisse ein, darunter das Ertrinken seines zweijährigen Bruders, als er selbst sieben war. Als Erwachsener dann gab er seinem Freund nach dessen missglücktem Selbstmordversuch flapsig den "Tipp", beim Erhängen den Hocker besser wegzutreten. Und dann macht der das, dieser Freund! Mit sehr trockenem Humor und einer großen Offenherzigkeit schildert Bakker diese Erfahrungen und spürt schonungslos ihren Wirkungen auf das eigene Leben nach.

Daneben das langsame, wohltuende Ankommen in der Eifel, die täglichen Streifzüge mit Jasper, das Werkeln im Haus, das Ackern im Garten. Wer die Örtlichkeiten kennt, kann hier nachlesen, welchen Ruf das Bitburger Krankenhaus hat oder der Bickendorfer Tierarzt, was für ein Typ der Nimstaler Förster ist oder wie T-Mobile das langsame Internet in der Eifel rechtfertigt.

"In Holland kann man alles über jedermann schreiben, das ist gar kein Problem", sagt Bakker. "Aber hier geht es nicht." Für die deutsche Übersetzung des Buchs musste er Passagen streichen, Namen ändern oder Einverständniserklärungen von Personen einholen, die in dem Buch genannt sind. Aber auch so sind viele Menschen und Umstände identifizierbar.

In den Niederlanden, erklärt Bakker, ist "Jasper und sein Knecht" in einer speziellen Buchreihe erschienen: "Privatsphäre" gibt es nun schon seit 50 Jahren, sie präsentiert Ego-Dokumente bekannter Schriftsteller von Tol-stoi und Turgenjew bis Orwell. Bakkers Buch erlebte darin von Juni bis November 2016 vier Auflagen. Der Verleger hätte gern eine Fortsetzung, erzählt der Autor. In Deutschland mögen es die Leute hingegen diskreter - fiktionalisiert. Die ehrliche Aufarbeitung einer Depression wäre, vermutet Bakker, hier wohl eher ein Roman.
Jaspers Bild hängt über der Eckbank in der Küche. Nett sieht er aus, so friedlich. Dass er der Herr im Hause war und sein Herrchen ein Knecht, wie der Buchtitel sagt, sieht man ihm nicht an. Jasper ist die zweite Hauptperson des Buchs, sein Charakter, seine Eigenheiten - fast möchte man sagen seine Psyche - ist ähnlich schwierig wie die seines Herrn, der den Hund zu seinem wichtigsten Gefährten gemacht hat.

Über sich selbst schreibt Bakker, "dass ich wirklich jemand mit einer sehr ausführlichen Gebrauchsanweisung bin, in der ganze Abschnitte auf Chinesisch geschrieben sind". Mag sein, dass ein erfolgreicher Schriftsteller, der allein mit Hund durch Wald und Wiesen zieht, manchem Eifeler Nachbarn verschroben erscheint. Für Nimshuscheid - 306 Seelen, kein Geschäft, kaum Infrastruktur - bringt der Schriftsteller jedoch eine überdurchschnittliche Alltagstauglichkeit mit. Holz hacken fürs Heizen, Brot backen, Marmelade kochen, Möbel zimmern, Gemüse an- und das Haus umbauen - wer kann das schon alles? Neben dem Schreiben. In der Eifel sei er angekommen, versichert Bakker, wenn auch jetzt ohne Jasper. Er suche nicht mehr nach Glück, sondern wolle Zufriedenheit. Im Buch heißt es: "Ich will hier allein zusammen mit meinem Hund zufrieden sein, vielleicht etwas in mir selbst wiederzufinden versuchen, das mich dazu bringt, eines Tages einen neuen zu Roman zu schreiben." Und noch ein Projekt kann er sich nach dem Abstreifen alter Ängste vorstellen: den Führerschein zu machen.

Gerbrand Bakker, Jasper und sein Knecht, Suhrkamp 2016, 24 Euro.

AUTOR, ÜBERSETZER, GÄRTNER, EISSCHNELLLÄUFER
Gerbrand Bakker, Jahrgang 1962, stammt von einem Bauernhof in Nordholland, studierte Sozialarbeit, Niederländisch, arbeitete als Übersetzer, Autor und Diplomgärtner, war Eisschnellläufer und Trainer. Er ist auch Etymologe. Seine Romane wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt, er erhielt zahlreiche Preise, darunter den Impac Dublin Literary Award und den Independent Foreign Fiction Prize. Die Verfilmung des Romans "Oben ist es still" hatte 2013 bei der Berlinale Premiere. Den Roman gibt es auch in einer Bühnenfassung. Seit Dezember 2012 lebt Bakker in der Eifel. Über sein Leben hier schreibt er regelmäßig in seinem Blog und in Kolumnen für die Website der niederländischen Zeitung Groene Amsterdammer sowie für Trouw.

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