Schweres Blech in Bethlehem

Schweres Blech in Bethlehem

Das einst von Joachim Reidenbach gegründete Silvesterkonzert hat seine enorme Anziehungskraft behalten. Auch 2015 füllten mehr als 500 Besucher die Bänke der Trierer Pfarrkirche St. Paulin komplett. Diesmal glänzten die Interpreten zum Jahresschluss vor allem durch eins: ausgeprägte Klangfreude.

Trier. Leise war das Silvesterkonzert in St. Paulin bestimmt nicht. Wer sich zum Jahresschluss Klanggewalt gewünscht hatte, war zweifellos hochzufrieden. Die Besetzung des Basilikaorchesters erreichte sinfonische Dimensionen, und der Basilikachor stand in echter Oratorien-größe auf den Stufen zum Altarraum.Infiziert vom Wagner-Virus


War das des Guten vielleicht zu viel? Fest steht: Gabriel Josef Rheinbergers Weihnachtskantate "Der Stern von Bethlehem" wuchs sich aus zu einem Klanggemälde von wilhelminischen Ausmaßen. Rheinberger, konservative Leitfigur im deutschen Musikleben vor 1900, wurde beim Komponieren offensichtlich vom Wagner-Virus infiziert (oder dem, was er dafür hielt). Er lässt das Orchester lautstark und blechhaltig auftrumpfen. Der Chor kommt kaum einmal vom Fortissimo herunter. Die Hirten rücken in der Heiligen Nacht mit Trompeten und Pauken an, und Maria intoniert ihr Lied zum Orchester-Blech. Vielleicht hat man zu deutschen Kaiserzeiten generell so gedacht und empfunden. Indessen: Dirigent Volker Krebs tat wenig, um solche Probleme zu mildern. Der Chor, in Einsätzen (Sopran) gelegentlich etwas unsicher, im Übrigen kultiviert, klangkräftig und dem teils routinierten, teils ambitionierten Orchester absolut gewachsen, hat eine Atempause allenfalls im siebten Stück. Da entfaltet das vorzügliche Männer-Ensemble berückende Lyrik. Aber sogar in diesem Satz sind Trompeten und Pauken drohend dabei. Und so hangelt sich die Aufführung dann doch von einem Lautstärke-Höhepunkt zum nächsten.
Krebs zielt ziemlich einseitig auf das spätromantische Pathos dieser Partitur. Das tut den Solisten nicht gut. Sopranistin Antonia Lutz muss gegen die Begleitfülle sichtlich ankämpfen und findet erst nach einiger Zeit zu ihrer gewohnten Leuchtkraft. Nico Wouterses tragfähiger Bariton setzt sich zwar ohne jede Forcierung gegen das Orchester durch, hat aber zu Differenzierungen keine Chance und muss sich allein auf seine dramatische Strahlkraft verlassen. Wirklich befriedigend ist beides nicht.
Woran es in diesem Konzert fehlte, wurde an Mendelssohns einleitender Psalmkantate "Da Israel aus Ägypten zog" deutlicher. Klangfülle, Klangkultur, Engagement waren da, und Intonationsprobleme im Chor (Satz zwei) blieben marginal.
Und doch: Mendelssohns Musik trat merkwürdig auf der Stelle. Volker Krebs vertiefte sich zu sehr in die bildkräftigen Details der Komposition.
Der Interpretation fehlte die Zielrichtung, der Zug nach vorne. Stattdessen stellte sich eine eigentümliche Statik ein. Die freilich hat mit Mendelssohns dynamischer Tonsprache wenig zu tun.Bestechend schlüssige Harmonik


Ganz anders und weitgehend unbelastet von akustischem Überschwang das Instrumentalstück des Abends. Das Konzert für Orgel, Streichorchester und Percussion des Stuttgarter Stiftskantors Kay Johannsen besticht durch seine schlüssige Harmonik, seine deutlichen Strukturen, seine klischeefreie Gefühlsstärke.
Mag sein, dass in den Ecksätzen das Orchester gegenüber dem brillanten Organisten Josef Still in die zweite Reihe geriet. Aber im Mittelsatz mit seinem feinsinnig auskomponierten Klang-Filigran gelang Still, Volker Krebs und den Instrumentalisten ein zartes, ein kammermusikalisches Miteinander - hellhörig und sorgfältig zwischen Solist und Orchester austariert. Was belegt: Auch in St. Paulin ist Intimität realisierbar.
Gleichwohl: Der Jubel am Konzertende war überwältigend. Nur einige (wenige) Besucher räumten verdächtig rasch ihre Plätze. Aber die mussten wahrscheinlich noch die Neujahrsraketen startklar machen.

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