"Seelenarbeit" leisten

NUSSDORF. Er zählt zu den großen Schriftstellern der älteren Generation in Deutschland. Sein Name steht in einer Reihe mit Siegfried Lenz und Günter Grass. Am Samstag, 24. März, wird Martin Walser 80 Jahre alt.

Den größten Teil seines Lebens verbringt Martin Walser am Bodensee. Geboren 1927 und aufgewachsen in Wasserburg, wohnt er seit Jahrzehnten in Nussdorf - lebt am Rande der Kulturmetropolen, Handelszentren und industriellen Ballungsgebieten Deutschlands. Doch seine literarischen Werke seit den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts sind stets realistische Beobachtungen aktueller menschlicher und gesellschaftspolitischer Verhältnisse. Der Vater von vier Töchtern, die alle selbst künstlerisch tätig sind, promoviert Ende der 40er mit einer Arbeit über Franz Kafka, wird seit 1953 zu den Tagungen der Gruppe 47 eingeladen und erhält 1955 den Literaturpreis der Gruppe für seine Erzählung "Templones Ende". Im gleichen Jahr erscheint der Erzählungsband "Ein Flugzeug über dem Haus und andere Geschichten" im Druck. Walser ist in dieser Zeit Mitarbeiter beim SDR im Ressort "Politik und Zeitgeschehen". Sein erster Roman "Ehen in Philippsburg" wird 57 veröffentlicht - da ist der Autor gerade dreißig geworden; sein erstes Theaterstück "Der Abstecher" liegt 61 gedruckt vor und wird an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Es folgen bis heute rund 25 Romane sowie Erzählungen, Stücke, Hörspiele und Essays. Thema ist immer wieder das Scheitern der Figuren am Leben. Sie sind den Anforderungen, die ihre Mitmenschen oder sie selbst an sich stellen, nicht gewachsen und fechten einen inneren Konflikt aus, haben "Seelenarbeit" (so 79 ein Romantitel ) zu leisten. Hoch gelobt wird 78 die Novelle "Ein fliehendes Pferd". In den 70ern und 80ern weilt Walser häufig als Gastdozent an US-amerikanischen Universitäten. 98 steht er dann zum ersten Mal ungewollt im Zwielicht der Öffentlichkeit: Anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hält Walser am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche eine Rede, in der er eine "Instrumentalisierung des Holocausts" ablehnt. Seine sprachlich komplizierten Äußerungen werden zumeist folgendermaßen gedeutet: Walser fühle sich durch die Nazi-Verbrechen tief berührt. Die stetige Wiederholung der Darstellungen banalisiere jedoch sein persönliches Empfinden für die Ausmaße dieser Verbrechen. Daher wolle er die "gebetsmühlenartig" wiederholte "Aufarbeitung" trauriger deutscher Geschichte nicht vorantreiben. In der darauf folgenden, hitzig geführten Debatte halten seine Kritiker, etwa Ignatz Bubis, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Martin Walser vor, er ebne den Weg für eine Bagatellisierung oder gar Leugnung der Nazi-Verbrechen. Zudem wird ihm vorgeworfen, rechte Revisionisten, die dieses brisante Thema verschweigen wollten, könnten sich auf ihn berufen. Walser entgegnet seinen Kritikern, er beabsichtige keine politische Instrumentalisierung seiner "sehr persönlichen Ansicht" und habe nur von seinem "subjektiven Empfinden" gesprochen. Im Jahr 1998 erscheint dann der Roman "Ein springender Brunnen", in dem sich Walser an seine Jugend im Nationalsozialismus erinnert. Das Buch wird von Reich-Ranicki heftig kritisiert. 2002 publiziert Walser den Roman "Tod eines Kritikers". Reich-Ranicki kommt offiziell darin nicht vor, aber in Deutschland ist man sich einig, dass mit André Ehrl-König nur MRR gemeint sein kann. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher lehnt den Vorabdruck des Romans ab, bezichtigt ihn des Antisemitismus. Walser wechselt nach dem Tod von Suhrkamp-Herausgeber Siegfried Unseld 2004 den Verlag und veröffentlicht bei Rowohlt. Hier erscheinen die Romane "Der Augenblick der Liebe" und "Angstblüte" sowie Tagebuch-Aufzeichnungen der Jahre 1951 bis 1962. In der Region ist Walser häufig zu Gast, so auch mehrfach beim "Eifel Literatur Festival".

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