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Seelenpein in Holzschnittmanier

Bitburg. Mit Büchern, die auf wahren Rechtsfällen beruhen, hat der Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach ein Millionenpublikum erreicht. Im September kommt er zum Eifel-Literatur-Festival nach Bitburg. Dort stellt er "Tabu" vor, einen Roman, in dem es um Recht, aber auch um Moral und Philosophie geht.

Bitburg. Eine dramatische Kindheitsgeschichte steht am Anfang von Ferdinand von Schirachs Roman "Tabu". Es ist die von Sebastian von Eschburg, Spross einer abgewirtschafteten Adels- und Unternehmerfamilie. Er wächst in der 250 Jahre alten Familienvilla auf, die inzwischen genauso heruntergekommen ist wie Status und menschliche Beziehungen ihrer Bewohner.Eifel-Literatur-Festival 2014


Vater und Mutter haben sich nichts zu sagen, Sebastian wird von ihnen nicht beachtet. Nur das Au-Pair-Mädchen merkt, dass der Junge außergewöhnlich ist. Tatsächlich hat er eine besondere Wahrnehmung. Er sieht Dinge in viel mehr Farben und Helligkeiten als andere Menschen. Die Welt verwirrt ihn deshalb.
Das Haus ist der einzige Zufluchtsort für ihn - doch er muss es verlassen, weil er auf ein Internat geschickt wird. Später bricht ihm endgültig der Boden unter den Füßen weg. Der Vater erschießt sich, die Mutter verkauft das Haus und überlässt Sebastian sich selbst. Der wird später erfolgreicher Fotograf. Er findet sogar eine Muse und Partnerin, Sofia. Doch sein Seelentrauma holt ihn ein. Eines Tages erkennt er: "Die Wahrheit ist hässlich, sie riecht nach Blut ... sie ist der weggeschossene Kopf meines Vaters." Er trennt sich von Sofia und steht wenig später vor Gericht. Er soll eine junge Frau gequält, entführt, vielleicht sogar getötet haben.
Die Geschichte reißt viele Dimensionen an, eine künstlerische, eine psychologische, eine moralische, eine rechtliche, vor allem aber eine philosophische. Denn letztlich geht es um die Unterscheidung von Wahrheit und Wirklichkeit. Ferdinand von Schirach bewältigt den komplexen Stoff auf nur 250 Seiten, denn seine Sprache ist komprimiert. Er erzählt ganz nüchtern und sachlich, fast holzschnittartig. Seine Sätze sind knapp, lakonisch, bestenfalls mit unterschwelligem Humor gewürzt. Gerade das lässt dem Leser Raum, Verknüpfungen herzustellen und die fehlende Ausgestaltung vorzunehmen. Aber es braucht auch eben diese Vorstellungskraft, um den eigentlichen Ungeheuerlichkeiten und der Auflösung der Geschichte nahezu kommen. ae
Ferdinand von Schirach: "Tabu", Piper Verlag, 256 Seiten, 17,99 Euro.volksfreund.de/
eifelliteraturfestival2014Extra

Ferdinand von Schirach liest als Gast des Eifel-Literatur-Festivals 2014 am Freitag, 26. September, 20 Uhr, in der Stadthalle in Bitburg. Karten gibt es im TV-Service-Center in Trier, unter der TV-Tickethotline 0651/7199-996 sowie unter www.volksfreund.de/tickets Informationen über das Festival unter www.eifel-literatur-festival.de ae