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Seelenstreichlerin mit Experimentierlust

Seelenstreichlerin mit Experimentierlust

Die kanadische Sängerin und Pianistin Diana Krall hat in der ausverkauften Luxemburger Philharmonie ihr neues Album "Glad Rag Doll" vorgestellt. Eine grandiose Hommage an Lieder der 1920er und 30er Jahre, gespickt mit modernen Stücken, auch mal weit weg vom Jazz. 1300 Gäste erlebten 90 Minuten voller musikalischer Finesse.

Luxemburg. Die Bühne ist in dunkles Rot getaucht. Die Kulisse schwelgt in Nostalgie: Ein Grammophon, ein altes Piano, ein Kontrabass, und auf der Großleinwand bewegen sich zwischen schweren Vorhängen Bilder aus der Stummfilmzeit. Es ist die Zeit der Revues, in die Diana Krall ihre Fans mitnimmt.
"Glad Rag Doll" heißt ihr aktuelles, dreizehntes Studioalbum, bei dem sie an die Revuemädchen der 1920er Jahre dachte, erzählt die Sängerin und Pianistin. Ihnen singt die Jazzinterpretin ein schwermütiges Solo, in dem sie die traurige Seite des Glamours der kindlichen Diven fokussiert.
Erotik gehört zu Diana Kralls Musik. Sie hat sie in der Stimme. Zart und rauchig, selbstbewusst, geheimnisvoll und dunkel dringt sie ins Ohr.
Kralls Interpretationen der Stücke aus den 1920er und 30er Jahren klingen so wenig abgegriffen, dass sie wie die erste, lang ersehnte Berührung einer behutsam streichelnden Hand elektrisieren. Und alle Gedanken verlieren sich darin.
Mit ihren Coversongs wagt sich Diana Krall auf ihrem neuen Album weit weg vom Jazz. Gospel, Country, Tango, Rock\'n\'Roll klingen mit, aber stets innovativ und mit dem Geist des Jazz angehaucht. Krall und ihre hervorragenden Begleitmusiker Aram Bajakian und Stuart Duncan an den Gitarren sowie Dennis Crouch am Bass und Jay Bellerose am Schlagzeug schaffen mit dem Reichtum an Klangnuancen, Finesse und Frische ein musikalisch grandioses Erlebnis, das durch die phänomenale Technik und Akustik in der Philharmonie in all seinen Feinheiten in den Raum getragen wird.
Zu den Höhepunkten gehört sicherlich der Tom-Waits-Song "Temptation" vom Album "The Girl In The Other Room". Live gespielt, so wunderbar dreckig, kraftvoll und wild, steht er im Gegensatz zur fast kontemplativen Version der verzaubernden Nummer "Let It Rain" von James Kendis und Hal Dyson.
Furios wie ein Gewitter durchbricht die Band mit dem Doc-Pomus-Klassiker "Lonely Avenue" die melancholische Stimmung. Der stampfende Rhythmus und die schreiende E-Gitarre machen Schmerz und Verzweiflung geradezu fühlbar.
Mit dem Gutenachtlied "Prairie Lullaby" kehrt Diana Krall zur wärmenden Seelenstreichlerin zurück und entlässt ihr begeistertes Publikum nach 16 Songs und zwei Zugaben in traumwandlerischer Verzückung. sys