Seismograf des deutschen Nachwuchsfilms

Seismograf des deutschen Nachwuchsfilms

Das Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken gilt als Gradmesser des deutschen Nachwuchsfilms. Dennoch war die 31. Augabe des Filmfestes so international wie noch nie.

Saarbrücken. Auch das ist deutscher Nachwuchsfilm: "Platos Academy" von Regiesseur (und Absolvent der Filmhochschule München) Fillipos Tsotis erzählt die Geschichte eines griechischen Ladenbesitzers in Athen, der grimmig mitansehen muss, wie ihm fleißige Chinesen und Albaner nach und nach das Geschäft streitig machen. Das Drama ist gespickt mit kauzigen Charakteren im Stile von Aki Kaurismäki - dazu im Originalton mit Untertiteln. "Platos Academy" ist eine dieser Filmperlen, die das Max-Ophüls-Festival so besonders machen.

15 Beiträge, ausgewählt aus 90 eingesandten Werken von Jungregisseuren, konkurrierten dabei im Langfilmwettbewerb unter anderem um den mit 18 000 Euro dotierten Max-Ophüls-Preis. Das Filmfest gilt als wichtigstes deutsches Nachwuchsfestival. Und in diesem Jahr gab es dort viele Höhepunkte zu sehen: Stand das "Ophüls" in den vergangenen Jahren oft auch für selbstverliebte, filmstudentische Nabelschauen und uninspirierter Fernsehware, so zeigt das Festival 2010 mehr Vielfalt, ein handwerklich höheres Niveau, den Mut zu Experiment und politischer Aussage. Auch wenn Drehbuch, Dialoge und filmisches Erzählen in diesem Jahr zentrale Schwachpunkte vieler Produktionen waren.

Das fiel bei den reinen Genrefilmen jedoch nicht ins Gewicht. Sie feierten in Saarbrücken ein Comeback. So wie "South", ein athmosphärisch dichter Neo-Noir-Thriller um einen brutalen Bankrüber, der nach seiner Flucht seine wahre Identität sucht. Für die größten Diskussionen sorgte aber ein für Erstlingswerke typischer Coming-of-age-Film: "Picco" erzählt basierend auf wahren Begebenheiten, wie sich Gewalt in einem Jugendknast hochschaukelt - und zeigt drastische Bilder.

Die thematischen Schwerpunkte des Festivals lagen auf Migration und interkulturellen Konflikten, die mal schrill und laut wie in "Saturn Returns", exotisch-tänzerisch wie im Schweizer Bollywood-Film "Madly in love" oder melancholisch wie in "Platos Academy" behandelt wurden. Oder politisch engagiert, wie bei "Waffenstillstand", einer packenden Mischung aus Road-Movie, Actionfilm und Drama im irakischen Falludscha. Letzerer kommt zusammen mit dem Gewinnerfilm "Schwerkraft" demnächst ins Kino. Viele andere Filme werden bei Arte oder im Spätprogramm im ZDF zu sehen sein - das ist auch leider auch die Realität des deutschen Nachwuchsfilms.

Die Preisträger

Max-Ophüls-Preis für Nachwuchsregisseure und SR/ZDF Drehbuchpreis: "Schwerkraft" (Maximilian Erlenwein) Preis für mittellange Filme: "Rammbock" (Marvin Kren) Kurzfilmpreis: "Schonzeit" (Irene Ledermann) Dokumentarfilmpreis: "Nirgendwo.Kosovo" (Silvana Santamaria) und "My Globe Is Broken In Rwanda" (Katharina von Schroeder) Beste Nachwuchsdarsteller: Nora von Waldstätten und Sebastian Urzendowsky Filmpreis des saarländischen Ministerpräsidenten: "Picco" (Philip Koch) Publikumspreis und Preis der Schülerjury: "Bis aufs Blut - Brüder auf Bewährung" (Oliver Kienle) Filmmusikpreis der Saarland Medien GmbH: "Academia Platonos - Platos Academy" (Filippos Tsitos) Förderpreis der Defa-Stiftung: vergeben als Stipendium im Wert von 4000 Euro an Jessica Hausner für "Lourdes". Interfilmpreis: "Suicide Club" (Olaf Saumer) (dpa)

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