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Kultur
Sekt schlürfen in Trierer Theatersesseln – Droht nun der Sittenverfall?

 Das Trierer Theaterpublikum anno 1964, kurz nach der feierlichen Eröffnung des Hauses.
Das Trierer Theaterpublikum anno 1964, kurz nach der feierlichen Eröffnung des Hauses. FOTO: TV / Schramm, Johannes
Trier. So mancher Besucher lümmelt sich heute sektschlürfend, filmend und laut dazwischenrufend im Theatersessel. Droht nun der totale Verfall der Sitten? Von Katharina De Mos

Ja, geht denn jetzt alles den Bach runter? In den USA regiert ein Präsident, der sich rühmt, sich alles erlauben zu können – selbst Frauen in den Schritt zu fassen. In Konferenzen hat recht, wer am lautesten brüllt. Die Türe hält einem schon lange (fast) keiner mehr auf. Im weltweiten Netz toben die Trolle. Und jetzt auch noch das – der Verdacht, dass der Sittenverfall auch das letzte Bollwerk der guten Manieren erobert hat: das Theater.

   Elegant gekleidet strömen die Gäste am 28. September 1964 ins neue Trierer Theater.
Elegant gekleidet strömen die Gäste am 28. September 1964 ins neue Trierer Theater. FOTO: TV / Schramm, Johannes

„Ich war fassungslos“, sagt der Trierer Frank Jöricke, nachdem er mit seiner Freundin eine Vorstellung des gefeierten Rock ‚n’ Roll-Musicals „Blue Jeans“ besucht hatte. In der sechsten Reihe links von ihnen saßen Zuschauer, die alles mit dem Handy filmten. Rechts ein Paar um die 60. „O geile Maschine“, habe der Mann lautstark gerufen, als ein Motorrad auf der Bühne erschien, während seine Frau ihren eigenen Sekt schlürfte und die Schuhe auszog. „Dann saß die da mit ihren Käsemauken“, sagt Jöricke. Er habe nur noch darauf gewartet, dass jemand die Chipstüte auspackt. Für manche Besucher mache es offenbar keinen Unterschied, ob sie zu Florian Silbereisen gingen oder ins Theater.

Ähnlich empört äußerte sich auch TV-Leser Manfred Rudolf aus Föhren in einem Leserbrief, nachdem er das Theater besucht hatte: „Immer und überall meint man heutzutage, essen und trinken zu müssen/zu dürfen. Es scheint, einige Theaterbesucher wissen nicht, wo sie sind und wie man sich in einem Theater zu benehmen hat“, schreibt Rudolf, der verärgert beobachtete, wie zwei Zuschauer vor ihm Sekt tranken. Das störe und lenke stark vom Geschehen auf der Bühne ab. Wie zu erwarten, seien die Reste des Gelages als Müll für die Putzfrauen zurückgeblieben.

FOTO: TV / Schramm, Johannes

„Das gehört sich nicht“, findet auch Theaterintendant Manfred Langner. Es störe, wenn nebenan jemand in eine Wurst beiße oder wenn Sektgläser umfallen. Passenderweise wurde Langner kürzlich von einer seiner Mitarbeiterinnen gefragt, ob man nicht ein Schild an den Türen anbringen könnte, das darauf hinweist, dass Essen und Trinken im Saal nicht erlaubt ist. „Früher hätte keiner auch nur daran gedacht.“ Schüler hatten zu Shakespeares Macbeth tatsächlich Chips geknuspert.

Ja, was ist denn da los? Eines zur Beruhigung vorweg. Unrettbar verloren sind die Theatermanieren nicht. Langner betont, dass es um Ausnahmen im ansonsten niveauvollen Trierer Publikum gehe. Alexandra Orth, Kuratorin einer Ausstellung über Anlassmode im Trierer Stadtmuseum, erlebte sogar eine Überraschung. Sie besuchte die Premiere von „Don Giovanni“, um sich anzusehen, wie Leute sich heute für solch einen Anlass kleiden – und rechnete mit vielen Jeans und T-Shirts. Stattdessen traf sie auf ein Publikum, das offensichtlich Spaß daran hatte, sich aufzuhübschen. Bodenlange Kleider, schicke Kostüme und Anzüge, Hüte, Haarschmuck und extravagante Accessoires, die gut zu dem künstlerischen Anlass passten. Getragen von Jüngeren wie Älteren. Der dafür genannte Grund sei ganz oft „Respekt für die künstlerische Arbeit“ gewesen.

FOTO: TV / Schramm, Johannes

Natürlich gibt es auch je nach Veranstaltung Unterschiede: Zur großen Opernpremiere erscheinen viele schicker als zu einem Schauspiel im Studio. Einen festen Dresscode gibt es ohnehin längst nicht mehr. „Jeder soll so kommen, wie er sich wohl fühlt“, sagt Langner. Das Theater solle so sehr Teil des Lebens sein, dass man auch direkt von der Arbeit dorthin gehen kann.

Zu einem echten Problem sind allerdings die Smartphones geworden. Wie in vielen Konzerten kommt es auch im Theater immer häufiger vor, dass Zuschauer ihr Handy zücken, um Fotos oder Videos aufzunehmen. Daher gibt es seit einiger Zeit vor den Vorstellungen eine Ansage, die darauf hinweist, dass dies auch aus rechtlichen Gründen verboten ist.

Dass das Publikum dazwischenruft, ist laut Langner allerdings nichts Neues. Die Uraufführung von Schillers „Die Räuber“ sei niedergebrüllt worden. Oder wie ein Zeitzeuge berichtete: „Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum“.

Vielleicht ist also doch noch nicht alles verloren. Langner betont, das Theater habe mit wenigen Ausnahmen ein tolles Publikum, das sich an die Konventionen halte und den Darstellern mit Respekt begegne.

Vielleicht sollten Präsidenten öfter ins Theater gehen ...

 Elegant gekleidet strömen die Gäste am 28. September 1964 ins neue Trierer Theater.
Elegant gekleidet strömen die Gäste am 28. September 1964 ins neue Trierer Theater. FOTO: TV / Schramm, Johannes