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Serie Mittelalter: Warum führt der Papst in Rom keinen Bischofsstab?

Faszination Mittelalter : Warum der Papst in Rom keinen Bischofsstab trägt und was das mit Trier zu tun hat

Warum führt der Papst in Rom keinen Bischofsstab? Weil der Apostel Petrus ihn nach Trier geschickt hat. Oder Köln. Hier in Gallien konnte die Reliquie beweisen, dass man es an Bedeutung durchaus mit Rom aufnehmen konnte.

In der Mainzer Landesausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ steht der vergoldete, mit rotem Samt, Bergkristallen, Smaragden und Perlen reich verzierte Petrusstab in einer schmalen Vitrine. Man kann sie leicht übersehen.

Dabei steckt in dieser Leihgabe aus dem Limburger Domschatz vielerlei Brisanz – und das seit mindestens 1200 Jahren. Wem der angeblich auf den Apostel Petrus zurückgehende Stab gehört, war in der Geschichte vor allem von Trier und Köln so umstritten, dass man sich im 9. Jahrhundert nicht anders zu helfen wusste, als ihn in der Mitte zu teilen. Die obere Hälfte, die einst Trier bekam und danach mit einer kostbaren Hülle überzogen wurde, ist nun in Mainz ausgestellt.

Der Legende nach schickte der Apostel Petrus drei seiner Schüler ins nördliche Gallien: Eucharius, Valerius und Maternus. Unterwegs, auf dem Gebiet des heutigen Elsass, starb Maternus, was seine Gefährten veranlasste, nach Rom zurückzugehen. Petrus überreichte den beiden dann seinen Bischofsstab, mit dessen Hilfe sie später Maternus wieder zum Leben erweckten und gemeinsam nach Trier zogen. Alle drei waren der Legende nach die ersten Bischöfe von Trier. Maternus gründete zusätzlich das Bistum Tongern-Maastricht sowie das Bistum Köln. Und hier bahnte sich Streit an, denn die Bistümer Trier und Köln verstehen sich beide als Petrusgründung, für die der Stab ein ausgezeichneter Beweis zu sein schien. Schließlich steht dort: „Bacul(u)s petri ap(ostoli)“ – Stab des Apostels Petrus.

Szenen der antiken Mission finden sich auch heute in zahlreichen Kunstwerken und Denkmälern in Trier, dazu beherbergt die Trierer Abtei St. Matthias die Sarkophage von Eucharius und Valerius. Diese beiden Apostelschüler schmücken auch als große Skulpturen den Kreuzgang am Trierer Dom. Die Erweckung des Maternus zum Leben und die Aussendung der Petrus-Schüler etwa hängen als riesige Gemälde im Refektorium der Abtei.  „Der Maler ist unbekannt“, sagt Abt Bruder Ignatius, aber entstanden seien sie in der Zeit von Abt Modestus Mannheim, der von 1727 bis 1758 Abt in St. Matthias war. „Sie tragen jeweils sein Wappen.“

In dem Raum, wo heute die Mönche speisen, war einst das Skriptorium, in dem die Mönche im 12. Jahrhundert auch die Stadtgeschichte „Gesta Treverorum“ geschrieben haben. In dem Werk, deren Handschrift heute in der Schatzkammer der Trierer Stadtbibliothek ausgestellt ist, gehen die Verfasser über die Apostel-Legende noch weit hinaus, indem sie die Gründung Triers gar in die Zeit 1300 Jahre vor Rom, also vor 2000 v.Chr. verlegen, wo der assyrische Königssohn Trebeta vor seiner lüsternen Stiefmutter bis an die Mosel flüchtete.

„Die Trebeta-Sage war äußerst erfolgreich“, erklärt Professor Michael Embach, Direktor der Stadtbibliothek in Trier. Sie sei allein in 52 Chroniken des Mittelalters eingeflossen und habe den Anspruch Triers begründet, Tributzahlungen von fünf Städten am Rhein zu fordern. So wirkmächtig konnten historische Legenden sein. „Die Texte erfüllten eine identitätsstiftende Funktion“, erklärt Embach und verweist auf Forscher, die die christlichen Legenden mit den antiken Mythen vergleichen. Sie übten, wenn auch in ihrer Welt, eine ganz ähnliche Wirkung aus.

Die Auferweckung des Maternus mit dem Petrusstab in einem Relief in der Abteikirche St. Matthias. Foto: TV/Anne Heucher
Das Refektorium von St. Matthias mit zwei Gemälden der Apostel-Legende. Der Raum war im Mittelalter das Skriptorium der Abtei. Foto: TV/Anne Heucher
Über dem Eingang der Abtei St. Matthias: die ersten Trierer Bischöfe Eucharius, Valerius und Maternus. Foto: TV/Anne Heucher

Aus Angst vor den französischen Revolutionstruppen wurde der Trierer Petrusstab, von dem im 14. Jahrhundert auch noch Karl IV. ein Stückchen für Prag abgeschnitten hat, auf die rechte Rheinseite in Sicherheit gebracht, wo er in den Limburger Domschatz gelangte. Von dort wird er bis heute zu Bischofsweihen eingesetzt – zuletzt im September 2016 bei der Weihe von Georg Bätzing zum Bischof von Limburg.