Serie Singen: Das deutsche Volkslied: Es ist ein zu Unrecht in Verruf geratenes Genre

Serie Singen : Schwarzbraun ist nur die Haselnuss

Das deutsche Volkslied: Es ist ein zu Unrecht in Verruf geratenes Genre, das von Liedermachern gerettet wurde.

Den fünf Herren ist sichtlich unwohl zumute. Der feiste Glatzkopf, Gastgeber einer Gesellschaft in seiner kalten, unwirtlichen, geradezu bedrohlich wirkenden Villa, hat sich von ihnen das Volkslied „In einem kühlen Grunde gewünscht“. Die Sänger beherrschen angeblich nur die erste Strophe; der Hausherr weist seine Lakaien an, in der Bibliothek nach einem Band mit Gedichten von Joseph von Eichendorff zu suchen. Was er sich jedoch hätte ersparen können, denn einem der Künstler wird übel, der Vortrag endet abrupt.

Dies ist eine Szene aus dem Film „Comedian Harmonists“ von Joseph Vilsmaier aus dem Jahr 1997. Die Sänger waren die erste „Boygroup“ der Welt, die sich im Berlin Ende der 20er Jahre zusammengefunden hatten und eine kurze, rauschhafte, von beispiellosem Erfolg begleitete Dekade erleben durften, ehe die Nazis das zu drei Fünfteln jüdische Ensemble mit Berufsverbot belegten. Rolf Hoppe spielte den Gastgeber Julius Streicher (er gründete 1923 das Hetzblatt „Der Stürmer“ und war 1925 NSDAP-Gauleiter von Mittelfranken und Franken) mit Gänsehaut erzeugender eisiger Höflichkeit und tödlicher Aura.

Man kann diese wenigen Minuten als Erklärung im Zeitraffer interpretieren, warum das Volkslied im Nationalsozialismus seine Unschuld verloren hat. Einer Ansicht, der natürlich sofort widersprochen werden kann, ja werden muss: „Ein Lied, das mit überlieferten Mitteln Grunderlebnisse anschaulich und einfach in Inhalt, Form, Sprache und Melodie gestaltet und von breiten Volksschichten gesungen wird“, wie es das dtv-Lexikon definiert, kann schließlich nicht schuldig werden, nur weil die „falschen“ Leute es für sich reklamieren beziehungsweise Gefallen daran finden. Dann müsste man, im Umkehrschluss, auf einer anderen Ebene die Musik der Antisemiten Richard Wagner und Hans Pfitzner ebenfalls „ächten“ (um den letztgenannten Komponisten hat es ja jüngst eine auch vom TV aufgegriffene Diskussion gegeben).

Und so ist natürlich weder Eichendorff noch dem Komponisten Friedrich Silcher, um beim eingangs erwähnten Beispiel zu bleiben, ein Vorwurf wegen ihrer Schöpfung zu machen. Sie sind schließlich nicht verantwortlich dafür, dass ihr Lied auch mordenden Nazis gefiel. Die konnten eigentlich nur, um ihren rassistischen Wahn in jedem Bereich auszuleben, unter die ebenfalls von Silcher vertonte  „Lorelei“ den Juden  Heinrich Heine verleugnen und „Dichter unbekannt“ behaupten.

„Was das Volkslied zum Volkslied macht, ist ja gerade nicht musikwissenschaftlich zu bestimmen, sondern soziologisch, volkskundlich, vielleicht auch politisch oder ökonomisch“, schreibt der Musikhistoriker Lars Ulrich Abraham in einem Essay für das „Funk-Kolleg Musik“. Das entscheidende Wort in diesem Satz ist „politisch“. Kein Kunstobjekt, sei es ein Gemälde, sei es eine Komposition, ein Gebäude, ein Denkmal, ist davor gefeit, für ideologische Zwecke instrumentalisiert zu werden.

Franz Liszt hätte sich vermutlich mit Händen und Füßen dagegen gestemmt, dass das Kopfmotiv seiner „Préludes“ als radiophone Monumentalfanfare für „Sondermeldungen aus dem Führerhauptquartier“ benutzt wurde. Lebende Künstler können und tun es auch, wenn sie sich öffentlich diskriminiert fühlen: Neil Young, Adele oder Elton John legten umgehend Protest ein, als Donald Trump ihre Musik in seinem Wahlkampf verwendete. In Deutschland setzten sich Künstler wie Helene Fischer oder das Duo Paul van Dyk und Peter Heppner dagegen zur Wehr, dass ihre Kompositionen als Soundtrack für AfD-Wahlveranstaltungen herhalten mussten.

Zurück zum Volkslied, über dem für manche Zeitgenossen immer noch die Schatten der braunen Jahre wabern. Wer Volkslieder in sein Repertoire aufnimmt, muss mindestens mit einem kritischen Stirnrunzeln rechnen. Heinos markig vorgetragenes „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ war 1971 eine Steilvorlage für all jene, die in seiner Version in der gerade in den Nachwehen der 68er-Bewegung liegenden Bundesrepublik die Renaissance der verpönten Töne sahen (das Volkslied – der Begriff wurde übrigens erstmals 1773 von Johann Gottfried Herder für diese Gattung verwendet – stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts).

Zur gleichen Zeit begann aber auch die Wiedergutmachung des geschmähten Genres in Gestalt musikalischer Fortentwicklungen von Liedermachern wie Hannes Wader, Franz-Josef Degenhardt oder – in geringerem Maße – Reinhard Mey, die einen neuen Sound anschlugen: entstaubt, frei von Klischees, zeitgenössisch und publikumsnah, ohne anbiedernd zu sein.

Beeinflusst war diese „Neue Deutsche Welle“ allerdings auch von den Sängern und Sängerinnen jenseits des Atlantiks: Bob Dylan, Joan Baez, Pete Seeger oder das Trio Peter, Paul & Mary bedienten sich für ihre Lieder ohne Berührungsängste aus dem Fundus und dem musikalischen Idiom der Country & Western-Musik, jenem Genre, dessen Fans überwiegend im konservativen bis rechten Lager zu verorten waren und sind. Dass diese Lieder, interpretiert von jungen, hippen, linksliberal orientierten Leuten und konsumiert von einem gleichgesinnten Publikum, auch in Deutschland auf offene Ohren stießen, erleichterte den hiesigen Liedermachern natürlich die Beschäftigung mit dem neuen „Volkston“, der alles andere als „tümelnd“ daherkam.

„Echte Volksmusik ist etwas so Wertvolles wie alter Schmuck; nicht etwa weil das Material unnachahmlich wäre, sondern weil die alte Machart es im Grunde ist“, schreibt der österreichische Musikwissenschaftler und Dirigent Kurt Pahlen in seinem 1981 erschienenen Buch „Das ist Musik“.

Daran hat auch der ideologische Missbrauch dieser „Kunst aus dem und für das Volk“ nichts geändert. Und deshalb kann inzwischen auch Hannes Wader „In einem kühlen Grunde“ in sein Repertoire aufnehmen – ohne dass ihm oder seinen Zuhörern übel wird.  Und die zweite Strophe kann er auch.

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