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Sex ist ein Karriere-Killer

Sex ist ein Karriere-Killer

WITTLICH. Alte Geschichten als verbales Gerammel aufbereitet: Die Neue Schaubühne München gastierte mit "Brisante Erinnerung" im Wittlicher Atrium. In den Hauptrollen: Jürgen Prochnow und Anna Magdalena Fitzi.

Das Beste an dem Stück ist der Anrufbeantworter. Den kann man abschalten. Ansonsten hält es Regisseur Folke Braband offensichtlich für dramaturgisch hinreichend, wenn er in jedem zweiten Satz "ficken" und "Schwanz" sagen lässt. Nicht zu vergessen die beliebte Empfehlung "Fick dich ins Knie", mit der Übersetzer und Spielleiter ihren literarischen Anspruch in der Nähe aktueller Shakespeare-Übertragungen unter Beweis stellen. Brisant wollten die Erinnerungen sein, die der Münchner Regisseur und seine Neue Schaubühne im Wittlicher Atrium nach dem Zwei-Personen-Thriller des Engländers Ben Elton in Szene setzte. Stattdessen wurden ein paar olle Kamellen reichlich ordinär aufgewärmt und dazu noch so schlicht, als ob es sich um eine aus Amerika importierte, schlecht übersetzte Vorabendserie handelte. Nicht am Geld, am Sex hängt alles, lautet die Moral von der Geschichte. Sex ist nämlich nicht nur ein Lady-, sondern erst recht ein Karriere-Killer, und wenn er in Liebe ausartet, ist sowieso alles aus. Es sei denn, man wäre Präsident der Vereinigten Staaten, dann genügt es, reumütig vor laufenden Kameras die Hosen runterzulassen (bildlich gesprochen, versteht sich) und alles wird wieder gut. General Jack (Jürgen Prochnow) hat denn auch gut daran getan, die Turbulenzen in seiner Hose im Griff zu behalten, nur einmal bei der Pazifistin Polly ist er schwach geworden. Und die muss er jetzt zur Bereinigung seiner Biografie umnieten. Am Schluss erwischt es beide, aber das kann sich der versierte Krimi-Fan schon vorher denken.Kein Klischee wird ausgelassen

Folke Braband lässt an Klischees nichts aus. Seine Demonstrantin von einst (Anna Magdalena Fitzi), heute Sozialarbeiterin, ist schlampig, bewohnt Ein-ZKB unterm Dach, und wenn der verschollene Liebste wieder auftaucht, sucht sie die Unterwäsche aus dem Korb für Schmutzwäsche. Im übrigen stammt ihr Vokabular aus der feministischen Mottenkiste, und ihre Gedankenwelt, in der die phallischen Symbole wie Pilze aus dem Boden schießen, ebenso. Gegenpart und Ex-Lover Jack bedient die gegenteiligen Klischees. Der General transportiert Whiskey und Cola-Flaschen in der politisch korrekten Papiertragetasche, die er nach Gebrauch fein säuberlich zusammenfaltet. Den Kragen seines dunkelblauen Armeemantels hat er hochgeschlagen, was wahrscheinlich nicht ganz korrekt ist und deshalb ein Zeichen von Brisanz, genauso wie die Handschuhe, die er im Zimmer anbehält. Im übrigen geht es nach dem Motto: Halb zog sie ihn, und am Ende sank er doch nicht hin. Selbst Weltstars wie Jürgen Prochnow können so ein Stück nicht vor der Belanglosigkeit - und was noch schlimmer ist - vor der Langeweile retten. Auch Fitzi schaute mehr oder weniger ratlos aus der zusammengesuchten Wäsche. Das Publikum war seinerseits kaum amüsiert, der Beifall höchstens freundlich. Wenigstens war das Haus voll, was Kulturamtsleiter Justinus Maria Calleen bewog, gemäß dem aktuellen Sprachgebrauch vom "Wunder von Wittlich" zu sprechen.