Sibelius, privat: Der neue Trierer Theaterintendant über seine Beziehung, seine Kinder und seinen Glauben

Trier · Er ist nicht nur Schauspieler, Regisseur und Theaterintendant. Als erster Homosexueller, der in Österreich ein Kind adoptierte, ist Karl Sibelius auch ein Wegbereiter für die Gleichberechtigung. Bereitwillig, streckenweise genussvoll, hat der Österreicher dem TV aus seinem Leben erzählt.

 Auf dem Roller: Karl Sibelius ist in der Stadt meist sportlich unterwegs. TV-Foto: Friedemann Vetter

Auf dem Roller: Karl Sibelius ist in der Stadt meist sportlich unterwegs. TV-Foto: Friedemann Vetter

Trier. Nur selten hat jemand, der noch gar nicht richtig da ist, Trier so aufgemischt, wie der designierte Theaterintendant Karl Sibelius. Mit seinem Tretroller, seinem quietschgelben Rucksack und seinen unkonventionellen Ideen hat der Mann schon nach den wenigen Kilometern, die er zwischen Rathaus, Theater, Tufa und Walzwerk hin- und hergebraust ist, für derart viel Wirbel gesorgt, dass die heimische Kulturszene kopf steht: Personell, organisatorisch und künstlerisch wird es am Theater einen Neuanfang geben, die Debatte über die Zukunft des Würfelbaus hat eine ganz neue Wendung bekommen, eine neue Sparte soll künftig Bürger und heimische Kulturschaffende einbinden und plötzlich ist da die Vision von einem großen Kulturzentrum auf dem Gelände des Trierer Walzwerks. Als Paradiesvogel wurde dieser Sibelius von Journalisten beschrieben, als Freigeist, Querdenker, Polarisierer, Genie, Manager und Macher. Die Passauer Neue Presse bescheinigt dem scheidenden Intendanten "ihres" Theaters an der Rott frappierende künstlerische Qualität, ein rastloses Tempo, überbordende Kreativität und eine Selbstdarstellung, die viele genial und viele schwer erträglich fänden … Doch wer ist der Mann, wenn er privat ist? Bei einem Redaktionsbesuch hat der Österreicher, der gar nicht geglaubt hätte, dass man "jemanden wie ihn" nach Trier holen würde, dem TV Einblicke gewährt.

Sibelius, die Mutter: Karl Sibelius geht trotz der Diffamierungen, die er in Bayern erlebt hat, sehr offen mit seiner Homosexualität um und erzählt ebenso bereitwillig wie schwungvoll von seiner Familie. Schon seit 15 Jahren teilt er sein Leben mit dem Linzer Wirtschaftswissenschaftler Rainer Bartel, der auch in Österreich bleibt, wenn sein Partner nach Trier (oder genauer: nach Konz) zieht. Ein Problem? Nein. "Wir haben eine LKW-Fahrerbeziehung, aber wir sind schon so lange zusammen, da geht das gut", sagt Sibelius. Die beiden Männer haben zwei Kinder, die mit nach Konz kommen, wo das neue Heim steht: Adoptivtochter Ella ist zehn Jahre alt und der Pflegesohn Jakob fünf. Einer der beiden Väter übernimmt die Mutterfunktion - "und das bin ich", sagt Sibelius. Vom Kloputzen übers Staubsaugen bis zum Windelwechseln sei er alles gewohnt. Genannt wird er allerdings Papa. Und der Rainer sei der Dati (oberösterreichisch für Vater).
Auch als Intendant will Sibelius sich für seine Kinder Zeit nehmen. "Mein Job am Theater schaut so aus, dass ich bis 15 Uhr im Haus bin und dann fahre ich nach Hause und bin für die Kinder da". Abends und nachts erledige er dann die Mails und die Denkarbeit. Imponiert hat ihm, dass beim Vorstellungsgespräch (bei dem er alles ausreizte, weil er weder gedacht hätte, dass Trier ihn, noch dass er Trier wolle) niemand aufmuckte, als er von seiner Mutterrolle berichtete und ankündigte, nach Hause zu fahren, wenn es den Kindern schlecht gehe. "Hut ab!", sagt er.

Sibelius, der Kämpfer: "Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat\'s einfach gemacht." Ein Spruch, den Sibelius mag. Ein Spruch, der zu seinem Leben passt. Denn 2005 wollte er in Österreich ein Kind adoptieren. Etwas, das noch kein Homosexueller dort jemals getan hatte. "Mein Partner war völlig überfordert, weil er gesagt hat: Das geht doch überhaupt nicht!" Doch Sibelius war der Meinung: Alles geht.
Zahlreiche Medien berichteten damals über jene Geschichte, die der Vater mit seinem österreichischen Akzent und hörbarem Stolz in der Stimme immer noch gerne erzählt. "Ich war in Linz sehr bekannt und bin da ins Jugendamt gegangen und habe gesagt: ,Ich möchte ein Kind adoptieren.\'" "Aber Herr Sibelius, Sie sind doch homosexuell", habe die Beamtin ihm flüsternd entgegnet. Ein Hinweis, den Sibelius ignorierte. Mit dem Argument, dass jeder Singlemann in Österreich das Recht habe, ein Kind zu adoptieren, zog er die Sache durch. Nach einem, wie er sagt - entwürdigenden Prüfungs-Prozedere, an dem sich auch sein Partner freiwillig beteiligte - stand irgendwann fest, dass er adoptieren darf.
Er bewarb sich "auf der ganzen Welt" und fand in Chicago einen christlichen Verein, der schwangere schwarze Frauen unterstützt, die nicht abtreiben, aber auch kein Kind haben wollen. "Eine Mutter hat sich uns ganz schnell ausgesucht. Sie wollte, dass der Schauspieler und der Ökonom die Eltern ihrer ungeborenen Tochter werden."
Die Frau sei dann gefühlte 20 Monate schwanger gewesen. Davon, dass sie in den Kreißsaal geschoben wurde, erfuhr er, kurz bevor er als Dr. Frank N. Furter (Rocky Horror Picture Show) in Stöckelschuhen auf die Bühne trat und dann prompt vor lauter Aufregung umknickte.
"Es war alles ein Traum", sagt der glückliche Vater. Mit drei Tagen habe er seine Ella in die Arme geschlossen und nach zwei Wochen mitgenommen. Ein Ereignis, das die Medien ausführlich begleiteten. Waren Sibelius und sein Partner doch die ersten Homosexuellen, die in dem Alpenland ein Kind adoptieren. Andere folgten dem Beispiel. Dann sei auch das Pflegekindergesetz geändert worden. "Da haben wir wirklich sehr, sehr viel erreicht", sagt Sibelius stolz.

Sibelius, der Gläubige: Er komme wirklich aus der Gosse. Aus einem zerrütteten Elternhaus in einem kleinen Kaff an der slowenischen Grenze. Im Winter sei er durch den Tiefschnee in die Kirche gegangen, um ein bisschen Wärme zu erleben. "Die Kirche war mein Zuhause", sagt Sibelius, der sich als sehr gläubig beschreibt. Dennoch trat er nach einem einschneidenden Erlebnis aus. Mit 18 verliebte er sich in einen Mitstudenten. Nach einem halben Jahr habe er sich ihm offenbart: "Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe mich mit deinen Freunden befreundet, nur um in deiner Nähe zu sein. Ich habe Bier getrunken, obwohl ich Bier hasse und ich habe geweint." Der junge Mann habe geantwortet, er möge ihn auch, doch er sei nicht schwul. Zwei Wochen später habe es an seine Türe geklopft. Davor stand der junge Mann und sagte ihm, dass auch er verliebt sei. Fünf Jahre blieben die beiden zusammen. "Er war nicht schwul, aber er hat mich geliebt. Und da habe ich gewusst: Das kann keine Sünde sein. Wenn es einen Gott gibt, dann hat der gewollt, dass ich so bin."
Das erzählte Sibelius auch dem Pfarrer, der ihn jahrelang begleitet hatte. "Der war völlig fertig", erinnert sich der Österreicher. Eine Lebenslüge habe er nicht aufbauen wollen. Also verließ er die katholische Kirche, die Menschen wie ihn nicht annehme. Inzwischen ist der Theatermanager altkatholisch. Denn diese Kirche sei liberal und segne auch Homosexuelle.
Kraft im Leben geben ihm neben dem Glauben auch seine Kinder. Als er niedergeschmettert war, weil man ihn nicht zum Leiter der Musicalsparte am Landestheater Linz gemacht hatte, habe seine Tochter zu ihm gesagt: "Papa, Du brauchst nicht traurig sein, du hast ja mich." Und ja, das stimme, er habe so viel in seinem Leben. So viel, dass er an so einem Theater auch nicht scheitern werde.
Extra

Karl M. Sibelius (geboren am 18. Juli 1969 in Bregenz) hat in Wien Schauspiel, Musical und Sologesang studiert und sich dort später auch zum Kulturmanager ausbilden lassen. Rund 20 Jahre lang war er als Schauspieler und Sänger am Landestheater Linz tätig. Zu seinen wichtigsten Rollen zählten der Hamlet und Jesus im Musical "Jesus Christ Superstar". Als man ihm - anders als von ihm erhofft - nicht die Leitung der Musicalsparte übertrug - wechselte er 2012 nach Eggenfelden ans Theater an der Rott. Dieses krempelte er gründlich um, verjüngte das Publikum deutlich (büßte allerdings auch viele Besucher ein) und wurde unter anderem mit dem Jurypreis der Bayerischen Theatertage ausgezeichnet. kah