Sinnenfrohe Vergangenheit

Sinnenfrohe Vergangenheit

LUXEMBURG. Die Kompositionen sind schon viele Jahrhunderte alt. Aber das "Huelgas"-Vokalensemble unter Paul van Nevel distanzierte sich in der Philharmonie von allem Musealen und gab der alten Musik eine begeisternde Lebendigkeit und Gegenwartsnähe.

Ihr Auftritt verläuft fast provokativ leger: Die drei Sängerinnen zwar im schwarzen Kleid, die sechs Männerstimmen aber mit offenem Hemdkragen und Dirigent Paul van Nevel im mittelprächtigen Straßenanzug. Aber dann beginnt der Gesang, und im wunderschönen, zugleich offenen und intimen Kammermusiksaal der Luxemburger Philharmonie wird die Welt anders. Das "Huelgas"-Ensemble stürzt sich nicht auf die Schlager, die es auch in der Alten Musik gibt. Paul van Nevel hat in den Tiefen der Archive geforscht und unbekannte Schönheiten entdeckt. Die singen sie wunderbar diesseitig und völlig ohne musealen Beiklang. Zum Beispiel die anonyme Motette "Laudes Regia", eine Festmusik zur Krönung Karls des Großen im Jahr 800. Die "Huelgas"-Sängerinnen und -Sänger geben deren archaischer Mehrstimmigkeit so viel Kraft, Deutlichkeit und Präsenz mit, dass akademische Beiklänge gar nicht erst aufkommen. Sogar die gleichförmigen Anrufe der Heiligen bleiben ohne Monotonie. Oder der dreistimmige Kanon "Le ray au soleyl" von Johannes Ciconia (1335-1411). Der entfaltet eine solch ausgeprägte Farbigkeit, dass die komplizierte Struktur für das Hörvergnügen nebensächlich wird. Ob anonyme Motetten oder Messeteile, ob Guillaume de Machauts berühmte "Messe de Notre Dame", ob Motetten aus dem frühen 15. Jahrhundert - Sängerinnen, Sänger und Paul van Nevel, der mit präzisen kleinen Bewegungen mehr die Melodik als den Takt anzeigt, sie lassen sich auf Historisierungen gar nicht ein. Sie singen stilistisch einfühlsam und doch so, als sei diese viele Jahrhunderte alte Musik pure Gegenwart: mit deutlichen Phrasierungen, ausgefeilter Dynamik, ausdrucksvoll und gelegentlich mit einer geradezu romantischen Besinnlichkeit. Solche Emotionsstärke macht auch die ganz kleinen Schwächen vergessen, die gelegentlich unterlaufen. Die Zuhörer im voll besetzten Kammermusiksaal, darunter zahlreiche Trierer, vermieden diszipliniert jeden Zwischenapplaus, um dann am Ende um so begeisterter zu klatschen.